Verworfene Körper

Der Getötete ist kein Verlust. Um ihn wird nicht getrauert. Er ist bloß ein verworfener Körper. Über patriarchale Repression, Gewalt und Tod . Eine Analyse von Nil Mutluer

Die Rechte von Homosexuellen müssen gesetzlich garantiert werden. Wir finden Diskriminierung gegenüber Homosexuellen nicht human.“ (Erdoğan 2002)

„Meine Bürger fordern zu recht die Todesstrafe. Und ich sage meinen Bürgern, dass in unserem Rechtssystem das Parlament darüber befinden muss. Wenn das Parlament einen entsprechenden Beschluss fasst, werde ich ihn als Staatspräsident bestätigen.“  (Erdoğan 2016)

Das Prinzip des Lebens oder des Todes? Diese Frage hat in den letzten fünfzehn Jahren den Alltag in der Türkei geprägt und sie tut es immer noch. Wir haben sowohl das eine als auch das andere mit all ihren Konsequenzen erlebt. Während der mittlerweile 15-jährigen Regierungszeit der AKP und ihres Parteichefs Recep Tayyip Erdoğan hat die Türkei sowohl das Leben und die Freiheiten verteidigt – so stark wie noch nie in der gesamten Geschichte des Landes – als auch die Erfahrung des Todes gemacht. Ebenfalls mit einer noch nie dagewesenen Intensität.

Unter der AKP-Führung wurden wir mit zwei diametral entgegengesetzten Politiken konfrontiert. 2002 hatte der frischgekürte Ministerpräsident Erdoğan noch die Rechte der LGBTI verteidigt. Das war neu in der ziemlich homophoben türkischen Politik. Der gleiche Erdoğan hat 2016, dieses Mal als Staatspräsident, für die Wiedereinführung der Todesstrafe geworben.

In der Zwischenzeit wurde das Thema der Rechte vor allem taktisch und zu diskursiven Zwecken behandelt. Zum Beispiel wurden die Rechte der LGBTI zwar verteidigt. Es wurde aber kein Gesetz gemacht, um die tatsächlich vorhandene Diskriminierung einzudämmen. Zwar wurde ein Gesetz gegen Gewalt gegen Frauen verabschiedet. Aber die Diskriminierung, auch die politische, nahm eher zu als ab. Gewalt gegen Frauen und Morde an Frauen nahmen ebenfalls zu und wurden zum Normalfall.

Setzte man sich am Anfang noch an den Verhandlungstisch, um die kurdische Frage friedlich zu lösen, wurden am Ende kurdische Städte dem Erdboden gleichgemacht. Man begann zwar, das Wort „Völkermord“ auszusprechen, unternahm aber keine Schritte, um sich mit der armenischen Frage auseinanderzusetzen. Auch der Prozess einer Öffnung gegenüber den Aleviten, mit dem Ziel, die alevitische Identität auch staatlich anzuerkennen, wurde angesichts des Kriegs in Syrien und wegen innenpolitischer Entwicklungen unterbrochen. Die Aleviten wurden wieder zu einer Bevölkerungsgruppe, die der Staat mit den Mitteln der Gewalt zu disziplinieren versucht.

Die Regierung entwickelte taktisch konzipierte politische Schachzüge für verschiedene Identitätsgruppen. Am Anfang gewährte sie ihnen Rechte, die ihnen das Leben erleichtern sollten, doch sie mündeten in Repression und Tod. Keine dieser politischen Maßnahmen berührte auch nur annähernd Themen, die im Zentrum der neoliberalen Wirtschaft standen. Weder Arbeitnehmer, die eine überstürzte Stadtentwicklung mit rasend schnell vorangetriebenen Baumaßnahmen mit ihrem Leben bezahlen mussten, wurden von Mainstream-Medien oder staatlichen Institutionen thematisiert, noch die Zerstörung der Natur. Ihr Recht auf Leben braucht man offensichtlich nicht zu thematisieren, nicht einmal aus taktischen Gründen. Schließlich führte die Politik auf all diesen Gebieten zu patriarchaler Repression, Gewalt und Tod.

„Vater der Gläubigen“

Schauen wir uns die Hauptstränge dieser Veränderungen an: In den ersten Jahren der AKP entwickelte sich in der Türkei ein Geist, der das Leben verteidigte und den Militarismus ablehnte. Die militärische Bevormundung wurde bekämpft, Verantwortliche des Militärputsches vom 12. September 1980 wurden angeklagt, ebenso diejenigen, denen in den „Ergenekon-Prozessen“ vorgeworfen wurde, einen Putsch gegen die Regierung geplant zu haben.

Doch auch in diesen Prozessen gewann der Tod bald die Oberhand. Die Gerichtsprozesse wurden verwässert, indem sie auf Personen ausgeweitet wurden, die nichts mit einer militärischen Verschwörung zu tun hatten. Schließlich endete diese Phase damit, dass viele unschuldige Menschen lange Jahre hinter Gittern verbringen oder sogar sterben mussten, die wahren Schuldigen dagegen straffrei blieben. Und dass nun in der militaristischen Atmosphäre des Ausnahmezustands der Prozess gegen die Putschisten von 1980 eingestellt wurde, ist ein Symbol dafür, dass man sich nicht traut, mit dem Militarismus abzurechnen. Die militaristische Politik der AKP in ihrer letzten Phase äußert sich in den kurdischen Gebieten in Form von nackter Gewalt und Militäroperationen. Das Töten ist zu einem gewöhnlichen Bestandteil des Lebens unter dem Ausnahmezustand geworden.

Diese harte Wendung der AKP vom Leben zum Tod hat auch jede Art der physischen, psychischen, symbolischen und wirtschaftlichen Gewalt legitimiert. Die Aneignung gewalttätigen Verhaltens, die Praktizierung der Gewalt und ihre dauerhafte Etablierung haben eng miteinander zu tun. Es gibt einen unübersehbaren Zusammenhang zwischen der staatlichen Gewalt gegenüber den Bürgern und der Gewalt in der Gesellschaft oder Familie, die vor allem von körperlich überlegenen Männern an weniger starken Menschen ausgeübt wird. Diese Hinwendung zum Tödlichen wurde höchstpersönlich vom „Vater der Nation“, oder sogar „Vater der Gläubigen“, wie Erdoğan von vielen bezeichnet wird, dirigiert. Dadurch wurde es leichter, die Gewalt im Alltag zum Normalzustand zu machen. Einem Patriarchen fällt es bekanntlich nie schwer, gleichgesinnte Verbündete zu finden.

Die Produktion des „Anderen“ und „verworfene Körper“

Die Politik der Gewalt ist in der Türkei kein neues Phänomen. Was unterscheidet also die Gegenwart von der Vergangenheit – und was ist konstant geblieben? Um diese Frage zu beantworten, müssten wir uns mit der Gründungsphase der Republik befassen. Mit ihren sexistischen Diskursen und Mechanismen. Und sie mit den Diskursen und der Politik der Gegenwart vergleichen, die von Diskriminierung und Gewalt geprägt sind.

Jeder Gewaltakt sagt nämlich etwas über Machtverhältnisse und Moralvorstellungen aus – und sie äußern sich am deutlichsten in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Geschlecht, Sexualität, Gesetze, Verbote, Körper und Normen werden innerhalb der Machtverhältnisse geformt, wie Foucault betonte. Nicht nur auf der Makroebene des politischen Diskurses, sondern auch in den gewöhnlichsten alltäglichen Beziehungen.

Der moderne Nationalstaat möchte seine Bürger disziplinieren und kontrollieren, um sie beherrschen zu können. Dafür setzt er eine Norm für den idealen Bürger und seine Eigenschaften. Wer in diese Norm nicht passt oder sich nicht anpassen will, wird von der Staatsmacht als „der Andere“ kodiert. Die Definition des Anderen ist kein unschuldiger Akt; dabei werden nicht nur Normen, sondern auch Verbote festgelegt und der Gesellschaft aufgedrückt.

Iris Marion Young schreibt in Anlehnung an Kristevas Begriff „Abjekt“, dass die herrschende Rasse, das herrschende Geschlecht oder die sexuelle Orientierung das nicht-herrschende aussondert und als ekelhaft darstellt. Agamben schreibt, dass im Ausnahmezustand die Rechtsgültigkeit aufgehoben wird. Der Ausnahmezustand zeichnet sich, so Agamben, dadurch aus, dass er „die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat“ aufhebt und damit jenes „nackte Leben“ hervorbringt, über das der Souverän uneingeschränkt verfügen kann.

Der Getötete ist kein Verlust, um ihn wird nicht getrauert. Der Körper des Bürgers, der seine eigenen Rechte besitzt, wird verzichtbar, wenn er vom Souverän als Gefahr eingestuft wird. Und „die Anderen“, die Ausgesonderten, sind in den Augen der Gesellschaft kein Verlust, sondern bloß „verworfene Körper“. Durch nationalistische Diskurse entwickelte Techniken der Disziplinierung und Bevölkerungskontrolle wird eine Idealisierung schützenswerter Körper und der Verzicht auf verworfene Körper in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als Normalzustand etabliert.

Die laizistische, anständige, heterosexuelle Frau

Bei der Gründung der Republik wurde der ideale Bürger mit den Attributen „türkisch, heterosexuell, der Mittelschicht angehörend, sunnitisch aber laizistisch, militaristisch und männlich“ bezeichnet. Diejenigen, die nicht in diese Definition hineinpassten oder ihre islamische Religion nicht nach der staatlich vorgegebenen Definition auslebten, waren von Anfang an „die Anderen“. Die Frau war zwar nicht Teil dieser Definition, sollte aber die Rolle der symbolischen Trägerin des Laizismus spielen – also der schützenden Ideologie des türkischen Nationalismus und des Staats. Weil die ideale türkische Frau eine Mutter war, die neue Generationen großziehen sollte, sollte sie einen Schulabschluss haben, laizistisch sein, moderne Kleidung – also keinen Schleier – tragen, aber auf ihre Ehre achten, den idealen männlichen Bürger unterstützen und heterosexuell sein.

Weil die Frau auch für den Fortbestand der Nation verantwortlich war, wurden ihre Sexualität, ihr Körper und ihre Fruchtbarkeit – über den Begriff der Ehre – der Kontrolle der staatlichen Gewalt preisgegeben. Bis Ende der 1990er Jahre wurden von staatlichen Organen zwangsweise Jungfräulichkeitstests durchgeführt, deren Ergebnisse auch den „Beschützern“ der Frauen mitgeteilt wurden. Bis zu ihrer Abschaffung hatten sie viele Frauen in den Selbstmord getrieben. Und bis 2004 war in dem Strafgesetzbuch eine Strafmilderung für Morde an Frauen vorgesehen, deren Beweggrund die Ehre war. Das war ein Mechanismus zur Kontrolle und Disziplinierung, der die Rechte der Frauen einseitig beschnitt. In den 1980er Jahren wurde Frauen verboten, Universitäten mit Kopftuch zu betreten. In den 1990ern wurden an Universitäten „Überzeugungsräume“ eingerichtet, in denen junge Studentinnen davon überzeugt werden sollten, ihr Kopftuch abzulegen.

Es waren natürlich nicht nur Frauen, die nicht in das Bild des „idealen Bürgers“ des kemalistischen Staats passten und die Staatsgewalt am eigenen Leib erleben mussten. Das Massaker in Dersim 1938, die Angriffe auf Armenier, Griechen und Juden am 6. und 7. September 1955, Massaker an Aleviten in Maraş, Çorum und Sivas oder die Zwangsräumung kurdischer Dörfer in den 1990er Jahren können als Beispiele der Disziplinierungsbestrebungen des Staats angesehen werden, an denen sich manchmal auch Teile der Gesellschaft beteiligten.

In all diesen Fällen mussten Frauen zusätzlich die sexistischen Formen der patriarchalen Gewalt des Staates erleiden. Und weil in keinem dieser Fälle eine gesellschaftliche Auseinandersetzung stattfand, wurden die Todesopfer von der Regierung oder auch von denen, die sich mit der Regierung identifizierten, als „verworfene Körper“ betrachtet. Und was mit ihnen geschehen war, als „normal“.

„Macht mindestens drei Kinder“

Die erste AKP-Regierung versprach sich politische Rückendeckung durch den EU-Beitrittsprozess. Dafür brauchte es einen lebensbejahenden Diskurs. In diesen Jahren trug auch das seit den 1980ern intensivierte Engagement der Frauenbewegung erste Früchte. Ab 2002 wurden wichtige Gesetzesänderungen beschlossen. Das Gesetz zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen, verabschiedet im Jahre 2012, ist eines der besten Beispiele dafür. Doch keiner dieser Schritte konnte etwas daran ändern, dass die Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

Der Kemalismus hatte den gesellschaftlichen Status der Frauen betont, ihr sexuelles Leben überwacht und ihre Sexualität mehr oder weniger negiert. Während der AKP-Regierung wurden die Fruchtbarkeit, die Sexualität und der Körper der Frau zu einem Politikum. Erdoğan wurde nicht müde, dies zu betonen:

„Ich spreche nicht als Ministerpräsident, sondern als besorgter Bruder zu euch. Wir dürfen unsere junge Bevölkerung nicht verlieren. In einer Volkswirtschaft ist der Mensch das entscheidende Element. Sie versuchen (gemeint ist der Westen) die türkische Nation auszumerzen. Macht mindestens drei Kinder, damit unsere junge Bevölkerung erhalten bleibt.“ (Erdoğan 2008)

Erdoğan bezeichnete sich als Bruder der Frauen – als Familienmitglied – und drang in ihre Intimsphäre ein. Er unterstrich immer wieder die Bedeutung der Fortpflanzung für den wirtschaftlichen Wohlstand und den Erhalt einer dynamischen Bevölkerung. Kinder zu gebären war für ihn eine notwendige selbstlose Hingabe der Frauen an die türkische Nation.

Dieser Diskurs blieb auch für die neoliberalen wirtschaftlichen Kontrollmechanismen nicht ohne Folgen. So wurden alle Prozeduren, die die Schwangerschaft und etwa die künstliche Befruchtung betreffen, neu gestaltet.

Von der gleichberechtigten Bürgerin zur selbstlosen Mutter

Aus gleichberechtigten Bürgerinnen sollen selbstlose Mütter werden, deren Leben in den Grenzen der Familie stattzufinden hat. Ein wichtiger symbolischer und organisatorischer Schritt auf diesem Weg wurde 2011 unternommen: Das Staatsministerium für Frauen und Familie wurde zu einem Ministerium für Familie und soziale Politik umgewandelt. Seit 2011 thematisieren Regierungsmitglieder immer wieder die Dekolletés der Frauen und bringen sie mit „Unanständigkeit“ in Verbindung. Zwar wurden Gesetze gegen Gewalt an Frauen verabschiedet und politische Maßnahmen beschlossen. Doch weder wurden Frauen, die Gewalt erlitten, wirksam geschützt, noch wurden die Täter konsequent verfolgt. Konsequent hat man nur das neue Bild der dienstbereiten Frau etabliert, die ihr Leben ihrer Familie widmet.

Abtreibung blieb zwar legal, trotzdem wurde vergewaltigten Frauen gelegentlich nahegelegt, ihre Kinder auszutragen. Erdoğan sprach einmal von einem Abtreibungsverbot, was nicht nur in feministischen Kreisen, sondern auch unter muslimischen Frauen auf Protest stieß. Deswegen wurde ein entsprechender Gesetzesvorstoß fallen gelassen. Trotzdem hatten Erdoğans Äußerungen Konsequenzen: Heute wird Abtreibung in vielen Krankenhäusern nicht mehr praktiziert. So, wie der Staatspräsident vor dem Referendum Wahlkampf gemacht hat, obwohl er laut Gesetz unparteiisch sein müsste, ist auch Abtreibung für viele Frauen, die aus finanziellen Gründen keine private Klinik aufsuchen können, faktisch verboten, obwohl sie eigentlich legal ist.

Abtreibung und Nationalismus

Die Abtreibung wurde auch in Verbindung mit dem Nationalismus thematisiert. Am 27. Dezember 2011 bombardierte die türkische Luftwaffe im Grenzgebiet 34 Menschen aus dem kurdischen Dorf Roboski bei Uludere, die vom Grenzhandel lebten. Die Regierung nahm dazu nicht Stellung und wollte auch die Verantwortung nicht übernehmen. Sechs Monate später, während sie immer noch aufgefordert wurde, endlich eine Erklärung abzugeben, brachte Erdoğan das Abtreibungsverbot ins Spiel. Er erklärte, Abtreibung sei Mord. Im Mai 2012 sagte er auf der Demografiekonferenz der Vereinten Nationen: „Jede Abtreibung ist ein Uludere“. Die Botschaft war klar: Der Körper der Frau und der kurdische Körper entsprechen nicht der Norm der neuen Türkei, und wenn ihr einen dieser Körper besitzt, übernimmt der Staat weder die Verantwortung für euren Tod, noch erlaubt er euch eine individuelle Entscheidung über Abtreibung.

Er geht sogar darüber hinaus, indem er diese beiden Themen, die scheinbar miteinander nichts zu tun haben, im öffentlichen Diskurs auf eine vulgäre Art miteinander verbindet und euch zu „verworfenen Körpern“ erklärt. Diese Vulgarität beinhaltete zweifellos auch Gewalt und stieß auf heftige Kritik.

Wer alles zu den verworfenen Körpern zählt, demonstrierte der Staat nicht zuletzt bei Operationen in mehrheitlich kurdischen Gebieten nach den Wahlen am 7. Juni 2015, bei denen die AKP die absolute Mehrheit im Parlament verlor. Brutale Gewalt, Zerstörungen, massenhaftes Töten und ganz besonders die sexistische Schmähung der toten Körper von Guerillakämpferinnen waren Teil dieser Demonstration.

“Meine Schwester mit Kopftuch”

Ein weiteres Beispiel des Versuchs, die Normen der neuen Türkei über Frauen und mit Hilfe einer Polarisierung der Geschlechteridentitäten zu konstituieren, ereignete sich während der Gezi-Proteste. Die Tageszeitung Sabah meldete, 30 bis 40 Männer vom Gezi-Park seien mit nackten Oberkörpern zur Schiffsanlegestelle in Kabataş gekommen. Sie hätten Halstücher, Handschuhe und Lederhosen getragen und eine Frau mit Kopftuch angegriffen, die einen Kinderwagen schob. Sie hätten sogar auf sie uriniert. Erdoğans Reaktion kam prompt: „Sie greifen meine Schwester mit Kopftuch an!“ Die Meldung wurde zwar bald von Kameraaufnahmen widerlegt, aber das hinderte Erdoğan nicht daran, weiterhin so zu reden, als sei sie echt.

Denn das Kopftuch hat nicht nur mit der Freiheit der Frau zu tun. Das symbolische Schlachtfeld, in dem seit Gründung der Republik islamistische und laizistische Ideologien gegeneinander kämpfen, ist der Körper der Frau. Die Erzählung eines Angriffs offensichtlich perverser Männer vom Gezi-Park auf eine Frau mit Kopftuch diente zweierlei Zwecken: Die Mutter im Kopftuch in der Rolle des Opfers wurde als Norm präsentiert. Zugleich wurde der laizistische Mann als der „Andere“ konzipiert, der wütend und wild ist und seine Sexualität nicht unter Kontrolle hat. Deswegen muss er ausgesondert werden und verdient Ekel. Er gehört „verworfen“.

Der Ausnahmezustand als Normalfall

Die Wendung Erdoğans und seiner Partei vom Lebensbejahenden zum Tödlichen offenbarte sich in aller Deutlichkeit nach den Gezi-Protesten. Erdoğan interpretierte die Proteste als einen Aufstand gegen ihn persönlich und entschied sich für eine Politik der Polarisierung, Anspannung und Gewalt, um seinen Machterhalt und die Unterstützung der Massen sicherzustellen. Seit den Gezi-Protesten macht die Türkei eine Zeit durch, in der Freiheiten immer mehr beschnitten und die elementarsten Prinzipien des Rechtsstaats missachtet werden, der Tod von Kindern, Babys und Zivilisten wie etwas Alltägliches hingenommen wird und der Staat alle, die den Frieden und das Leben verteidigen, kriminalisiert und diskreditiert – eine in der Geschichte der Republik noch nie dagewesene Ära der Gewalt.

Diese Entwicklung erreichte mit dem Militärputschversuch am 15. Juli 2016 und dem darauffolgenden Ausnahmezustand einen weiteren Höhepunkt. Während des Putschversuchs rief Erdoğan die Bevölkerung auf, auf die Straße zu gehen und sich gegen die Panzer zu wehren. Der Tod von über 200 Menschen war die Folge. Weil sie nach der offiziellen Lesart ihr Leben geopfert hatten, wurden sie als „Gefallene“ bezeichnet. Seitdem werden die „Gefallenen vom 15. Juli“ missbraucht, um jedes Unrecht zu legitimieren.

Die neue Gegenwart wurde auf einen regelrechten Lobgesang auf Tod und Gefallene aufgebaut. Hunderttausenden wurde vorgeworfen, sich am Putschversuch beteiligt oder ihn unterstützt zu haben. Sie wurden festgenommen, verhaftet, verloren ihre Arbeit, ihr Einkommen, ihren Pass. Disziplinierungsmechanismen des Staats, die die Normen setzen und alle, die nicht in diese hineinpassen, als die „Anderen“ definieren, traten deutlicher denn je zutage. Und die Zahl all derer, die durch diese Mechanismen ausgesondert, als ekelhaft dargestellt und zu „verworfenen Körpern“ gemacht werden, ist so hoch wie noch nie.

Oben wurde die Frage aufgeworfen: „Was unterscheidet die Gegenwart von der Vergangenheit – und was ist konstant geblieben?“ Der Hauptunterschied besteht darin, dass der Staat diese Mechanismen zur Disziplinierung und Kontrolle heute viel offensichtlicher einsetzt, um die Normen der neuen Türkei Erdoğans zu etablieren. Und dass dadurch neue „verworfene Körper“ definiert werden. Das Fortdauernde ist aber, dass diese Mechanismen nach wie vor existieren und angewendet werden. Der Ausnahmezustand mag zwar nur acht Monate alt sein. Aber die „verworfenen Körper“ gibt es seit hundert Jahren. Der Ausnahmezustand ist für alle „verworfenen“ Menschen der Türkei schon immer der Normalfall gewesen, auch in Zeiten, in denen es ihn offiziell nicht gab.

Dieser Text wurde aus dem Türkischen von Recai Hallaç übersetzt und redaktionell leicht bearbeitet. Der Text erschien in der ersten Ausgabe des Magazins #ÖZGÜRÜZ.

2018-03-02T09:46:55+00:00