Die Türkei kennt den Mörder

Der türkische Staat sah untätig zu, als der IS sich in der Türkei organisierte. Er benutzte die Terrormiliz für außen- und innenpolitische Zwecke. Das Ergebnis waren Massaker.

von Erk Acarer

Am 3. März 2009 stieg am Istanbuler Atatürk-Flughafen ein blonder, gutaussehender, junger Mann aus einem Flugzeug aus Pakistan. Yunus Durmaz trug einen Bart nach Vorbild der Salafisten, der im Widerspruch zu seinem Babygesicht stand. Er wurde noch am Terminal festgenommen. Pakistan hatte ihn ausgewiesen, weil er Al-Kaida-Mitglied war. In der Türkei ließ man ihn sofort wieder frei. Er reiste weiter nach Gaziantep, in seine Geburtsstadt. Bei der Vernehmung erzählte er: „Wir sind von Ağrı nach Iran gefahren. Eineinhalb Jahre lang bekamen wir dort in einer kleinen Moschee Koran-Unterricht. Viele Leute aus der Türkei verkehrten dort. Auf Einladung der Mitglieder der Tebliğ-Gemeinde, die nach Iran gekommen waren, sind wir illegal nach Pakistan eingereist …”

Die Geschichte dieses Reisenden wirft ein Licht auf die Beziehungen zwischen Staat, Regierung und deren Beziehungen mit den Dschihadisten in der Türkei. Von jenem Tag an war Yunus Durmaz den Behörden bekannt. Er wurde sogar physisch und technisch überwacht und ist der Hauptverantwortliche eines Massakers in Ankara 2015. Es ist also etwas dran, wenn gesagt wird, der Staat habe beide Augen zugedrückt und die Terroristen gewähren lassen.

 

Der Weg nach Syrien ist voller Dschihadisten

Die IS-Strukturen in der Türkei weisen in ihren Ursprüngen Ähnlichkeiten mit jenen in Irak und Syrien auf. Die Organisation entsprang der Al-Kaida, deren Kämpfer und Sympathisanten im syrischen Bürgerkrieg weiter radikalisiert wurden.

Um die IS-Strukturen zu verstehen, muss man nach Syrien schauen, dem Land, in dem alles seinen Anfang nahm. Der zweite Akt des Arabischen Frühlings begann in Syrien. Die Proteste gegen den Staatspräsidenten Baschar al-Assad mit der Forderung eines „demokratischen Syriens“ nahmen bald einen ganz anderen Charakter an. Pläne, die außerhalb des Landes nach dem Prinzip „zerschlagen und aufteilen“ gemacht wurden, machten die Dschihadisten zu wichtigen Akteuren im Land. Sie wurden ausgebildet und bewaffnet.

Daraus entstand eine explosive Mischung, die unermessliches Leid produzierte. Die Zahlen, die zivilgesellschaftliche Organisationen und politische Beobachter präsentierten, überschritten die offiziellen Angaben um ein Vielfaches: 500.000 Tote. Eine Million Verwundete.11 Millionen Syrer auf der Flucht im In- und Ausland.

 

Der Schlamm erreicht die Türkei

Wäre Syrien ein Grill, dann wären die USA diejenigen, die ihn aufstellen, Jordanien das Streichholz, Saudi Arabien und Katar sowohl Zange als auch Fächer. Die Freie Syrische Armee mit ihren religiösen Fanatikern jeder Couleur, Al-Kaida, sowie ihre Ableger die Al-Nusra-Front und IS sind das Grillholz. Und das syrische Kriegsfeld, auf dem sich immer mehr Kriegsparteien tummeln, ist der Ausdruck einer einfachen Tatsache: Willst du dich bereichern, sollst du nach Syrien. Um das zu verstehen, braucht man sich nur die Marken und Herkunftsländer der eingesetzten Waffen und Kriegsgeräte anzuschauen.

Auf diesem Nährboden wurden die bewaffneten Salafisten immer stärker. Natürlich spielte auch die Türkei ihre Rolle dabei. Es war bekannt, dass die AKP-Regierung und Staatspräsident Erdoğan von Anfang an in den syrischen Krieg eingreifen wollten. In Zusammenarbeit zwischen dem türkischen Nachrichtendienst MIT, dem Staat und der Regierung wurden auf türkischem Boden Gespräche mit Dschihadisten organisiert. Der große Traum war, eines Tages „in der Umayyaden-Moschee in Damaskus zu beten“.

Syrien verwandelte sich in einen Sumpf, der IS kontrollierte immer größere Gebiete, und der Schlamm erreichte bald auch die Türkei. Das kam Erdoğan gelegen, der sich als Sultan der islamischen Welt inszenieren wollte. Der IS hielt nicht nur die Träume von Landnahme und „Freitagsgebet in Syrien“ wach, sondern wurde auch zu einem Dietrich, um Türen im Inland zu öffnen, die zuvor verschlossen schienen.

 

Die Türkei vor dem Krieg in Syrien

Zum Verständnis des Geschehens in Syrien kann es aufschlussreich sein, einen Blick auf die Türkei vor Beginn der Kämpfe in Syrien zu werfen. Die Bewohner von Reyhanlı in der Provinz Hatay berichten: „Vor dem Krieg wurden neue Straßen nach Syrien gebaut. Für große, schwere Fahrzeuge. Die Dörfer Bükülmez und Cilvegözü glichen großen Baustellen.“

Man braucht nicht viel Phantasie, um die Baumaßnahmen mit den Waffen in Verbindung zu bringen, die über die Grenze gebracht wurden – auch mit den Dschihadisten, die die Grenze in beiden Richtungen überquerten. Gleich zu Beginn der Unruhen fuhren Dschihadisten über die Türkei nach Idlib und Aleppo. Sie wurden aus Afghanistan, Europa und Nordafrika mit Maschinen der Turkish Airlines in verschiedene Städte der Türkei gebracht. Dann wurden sie mit Reisebussen in Kampfgebiete in Syrien transportiert. Geld aus Saudi Arabien und Katar beflügelte den wachsenden Einfluss der Dschihadisten und entfachte den Brand.

 

Die Türkei verändert sich

Während Syrien von Dschihadisten unsicher gemacht wurde, veränderte sich auch die Lage in der Türkei. An vielen Orten, allen voran in Gaziantep, Hatay und Sanlıurfa, aber auch in Adıyaman, Mersin, Adana, Istanbul und Ankara fing der IS an, Wurzeln zu schlagen. Dschihadisten, die über die durchlöcherte Grenze nach Syrien gingen, machten auch wichtige Städte der Türkei zu ihren Stützpunkten. Unsere eigenen Beobachtungen an entscheidenden Orten, Augenzeugenberichte und vorliegende Dokumente können helfen, die Ereignisse besser zu verstehen.

 

Hatay: „Alles fing in diesem Laden an“

In den ersten Jahren der Syrienkrise schlossen sich allein aus Reyhanlı etwa 300 Personen dem IS an. Auch Ilhami Balı, der vermutliche Chef der Organisation in der Türkei, der auch die großen Massaker befohlen haben soll, befand sich unter ihnen. Einer seiner Freunde erzählt: „Wir spielten gemeinsam Fußball bei Reyhanlıspor, er war Abwehrspieler, ein sehr besonnener Mensch. Eine religiöse Ader hat er schon immer gehabt. Dann ist er zunehmend radikaler geworden. Einige Jahre war er im Gefängnis, wegen Mitgliedschaft bei Al-Kaida. Syrien hat ihn und seine Umgebung so richtig verwandelt. In einer Werkstatt in Reyhanlı hat er als Elektriker gearbeitet. Dort hat auch das ganze Unheil begonnen. Sie haben im Laden Sprengstoff gebastelt. Nach einiger Zeit hat er sich in Syrien niedergelassen. Er hat viele rübergebracht, damit sie für den Dschihad kämpfen.“

Kann einem alles so einfach gelingen? Wenn es von langer Hand vorbereitet wurde – vielleicht ja.

 

Nicht nur Kämpfer, sondern Gesinnungstäter

Der Boden für die Erstarkung der Dschihadisten wurde in der Türkei Schritt für Schritt bereitet. Die AKP, seit fünfzehn Jahren an der Macht, hatte schon den Samen für den politischen Islam gelegt. Nun konnte man zusehen, wie schnell er zur vollen Blüte gelangte. Der IS, in erster Linie eine Gesinnung, produzierte innerhalb einer kurzen Zeit eine beträchtliche Zahl militanter Kämpfer und Sympathisanten, die auch in der Türkei Massaker verübten.

Am 10. Oktober 2015 starben beim Anschlag in Ankara 109 Menschen. Drei Tage später, vor einem Fußball-Länderspiel gegen Island in Konya, pfiffen die türkischen Fans während einer Schweigeminute die Opfer des Massakers aus. Der Anschlag des IS in Paris wurde in Gaziantep mit einem Autokorso gefeiert. Dort wurde auch ein Brautwagen mit der IS-Fahne bestückt. Das sind nur kleine Hinweise auf die oben angesprochenen „beträchtlichen Zahlen“.

 

Şanlıurfa: abgetrennte Grenzzäune

In diesem Umfeld konnte der IS ungehindert agieren. Kurz vor den großen Massakern ließen sich die Salafisten in Grenzgebieten nieder. In Harran bei Sanlıurfa wurden Hotels für IS-Kämpfer eingerichtet und nächtliche Grenzübergänge Teil der Normalität. Reporter berichteten aus Akçakale, dass dort „der Atem des IS spürbar“ sei. Was in dem gleich gegenüber liegenden syrischen Ort Tal Abjad geschah, bevor die kurdische YPG den IS aus dem Ort jagte, sprach für sich.

Die Geschichte der 17-jährigen M.Y. und der 20-jährigen B.Y. beginnt in Diyarbakır, geht weiter in Sanlıurfa und findet ihr vorläufiges Ende in Rakka. Vater H.Y. erzählt: „Meine Töchter haben den IS im Internet entdeckt. Eines Tages waren sie weg und kamen nicht wieder. In ihrem Computer habe ich eine Karte, auf der ein Pfeil auf Akçakale zeigt. Polizeibeamte, einflussreiche Leute in der Verwaltung und sogar Abgeordnete aus der Region haben uns gesagt: Das ist eine zu große Nummer für euch und auch für uns. Dann sind wir, 60-70 Leute, von Diyarbakır nach Akçakale gefahren und haben das ganze Grenzgebiet von 50 Kilometern Länge nach unseren Kindern abgesucht. Wir haben in Häuser, in Ställe geschaut. In Scheunen haben wir sehr junge Mädchen gesehen, die aus Istanbul, Izmir oder Ankara gekommen waren. Man versteckte sie dort, um sie dann in die Kampfzone der IS zu bringen. Es gab verschleierte Frauen mit Babys auf den Armen. An der Grenze haben wir gesehen, wie Zäune mit dem Gartenmesser abgetrennt und dann wieder zusammengeflickt wurden. Menschenschmuggler standen herum und warteten. Die Banden waren überall, aber weder die Soldaten konnten sie sehen noch die Polizei! Schwarze IS-Ausweise wurden hergestellt und Fotos, in aller Eile vor Ort gemacht, wurden draufgeklebt. So machte man die Leute zu Bürgern des IS-Staats. Wir guckten uns völlig verblüfft die Polizisten an, die in den Fahrzeugen der Banden saßen. Die Polizei konnte unsere Töchter nicht finden, obwohl sie wusste, wo sie waren, obwohl sie sie beobachtete! Der IS hat sie verführt, der Staat hat den Korridor geöffnet.“

 

„Wir sind im IS!“

In Akçakale sorgen Menschenschmuggler für die Koordination zwischen den beiden Seiten der Grenze und bekommen 100 bis 250 Dollar pro Kopf. Über den Grenzübergang wird berichtet: „Es sind nicht nur Menschen, die hinüber gebracht werden, sondern hinübergebracht werden, sondern auch Menschen, Transformatorenöl und Dünger, und zwar in großem Umfang. Vermischt man 0,5 Prozent Transformatorenöl mit Düngemittel, erhält man einen extrem starken Sprengstoff. Medizinprodukte stellt man in Sanlıurfa und Gaziantep in geheimen Kellern her und bringt sie ohne jede Überprüfung durch den Zoll.“

Vor Beginn des Kriegs mit der YPG hat der IS in dem Ort abends sogar Wache geschoben. Obwohl auch Polizeiautos auf den Straßen waren. Türkische Krankenwagen fuhren ununterbrochen nach Tal Abjad. Noch gab es keine Kämpfe, noch wurde niemand getötet oder verletzt. Was transportierten also diese Krankenwagen, und für wen?

Ich bekam die Möglichkeit, in die Pufferzone zwischen Akçakale und Tal Abjad zu fahren. Dort konnte ich IS-Kämpfer persönlich kennenlernen. Irgendwann hörte ich, dass ein Mann Türkisch sprach. Er war kräftig gebaut und trug einen Ihram, die Bekleidung der nach Mekka pilgernden Muslime. Man erzählte mir, er sei ein altgedientes Mitglied der Sondereinsatzkräfte der Polizei. Ich stellte ihm die Frage, deren Antwort ich eigentlich kannte, aber nicht glauben wollte: „Ist es wirklich so? Ist der IS unter uns, mitten drin?“ Die Antwort war sehr interessant: „Nein, wir sind unter ihnen!“

 

All diese Bärtigen sind also IS-Kämpfer!

Im Juni 2015 ließ der Gouverneur von Sanlıurfa Journalisten festnehmen, weil sie eine falsche Frage gestellt hatten: „Gibt es hier IS-Kämpfer?“ Dabei waren uns Belege zugespielt worden, nach denen der IS in Sanlıurfa sogar einen „Parallelgouverneur“ ernannt hatte. Damals habe ich in einer Meldung mit der Überschrift „Der Gouverneur hat nicht einmal den Gouverneur bemerkt!“ geschrieben: „Gleich hinter dem Rathaus hat man sogar ein Hotel eröffnet, dessen Name auf die Dschihadisten in Somalia anspielt: Eş-Şebab. Dort hat man IS-Kämpfer untergebracht, die Anschläge in touristischen Orten planen. Ein Schreiben des Polizeipräsidiums vom 06.08.2015 mit dem Vermerk ‚Die Aktivitäten von DAESH (IS)‘ offenbart einen weiteren Skandal: „ Abu Malik Fransi, ein polizeilich gesuchtes Mitglied der Organisation vom IS, wurde als Gouverneur der Stadt ernannt. Weiterhin konnte ermittelt werden, dass Muhammed Ahmet El Hıdır, ein potenzieller Verantwortlicher eines Anschlags in Antalya, in dem von Syrern betriebenen Hotel Eş-Şebab hinter dem Rathaus wohnt.“

 

Gaziantep: Salafisten und verschleierte Frauen

Hohe Beamte der Stadt und des Staats in Gaziantep reagierten auf Fragen über den IS mit einem ähnlichen Reflex: „Was soll der IS hier zu suchen haben?“ Aber auf den Straßen der Stadt hörte man andere Töne: „Sehr viele gehen über Karkamış und Elbeyli bei Kilis nach Syrien und treten in die Organisation ein. Wir sind Zeugen einer seltsamen Veränderung. Ehemalige Freunde, mit denen wir uns unterhalten, gemeinsam Zeit verbracht haben, sind jetzt nur noch in Vereinen. Sie fluchen nicht mehr, sondern sagen nur noch: ‚Gott möge es dir vergelten‘. Frauen haben ihre Jeans abgelegt, jetzt tragen sie nur noch Schleier. Werkstätten für Armeehosen und Bombenwesten werden eröffnet.“

 

Vereine und Moscheen

Der IS glich einer Epidemie. In Gaziantep bediente er sich in erster Linie islamischer Vereine. „Genç Ensar“, der von Yunus Durmaz gegründete Verein „Genç Muhavvitler“ und andere brachten ihm neue Mitglieder. Auf den Straßen versammelten sich Motorradbanden. Vereine und Stiftungen wie „Islahder“ und „Bülbülzade Vakfı“ konnten unbehelligt ihrem tödlichen Geschäft nachgehen. Selbst nach dem Tod unzähliger Menschen konnten viele dieser Organisationen unter anderen Namen weiterarbeiten. „Genç Muhavvitler“ wurde durch „Ahsender“ ersetzt. Die Ladenschilder wurden ausgetauscht, aber die Gesinnung blieb. IS-Kämpfer trafen sich in Moscheen, um neue Massaker zu planen. Was die Öffentlichkeit wusste, wurde vom Staat hartnäckig ignoriert.

 

Geheimdienst, Regierung und IS

 Drei Beispiele sind aufschlussreich, um die Verbindungen zwischen dem türkischen Geheimdienst MIT, der Regierung und dem IS zu zeigen. Am 24. April 2014 gerieten Insassen eines Wagens mit dem Kennzeichen 27 R 4081 in eine Polizeikontrolle in Suruç. Sie waren von Sanlıurfa nach Gaziantep unterwegs. Unter ihnen war Ökkeş Durmaz, der Bruder von Yunus Durmaz, der später das Massaker in Ankara plante und schließlich in Gaziantep einen Selbstmordattentat verübte. Auch Ahmet Güneş saß im Wagen, der Cousin von Ismail Güneş, der das Polizeirevier in Gaziantep mit einer Autobombe angriff. Am Steuer saß Mustafa Delibaşlar, vorbestraft wegen Mitgliedschaft bei Al-Kaida. Als die Männer merkten, dass die Polizei sie anhalten würde, warfen sie die Dokumente, die sie dabei hatten, aus dem Wagenfenster hinaus. Später wurden sie gefunden und sichergestellt. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass es sich bei den Männern um IS-Mitglieder handelte. Neben vielen Dokumenten der Organisation fand die Polizei auch eine schwarze Festplatte. Sie enthielt den Videomitschnitt einer „Vollstreckung“ und erfüllte den Tatbestand der Schwerkriminalität. Auf dem Video sah man etwa 15 Männer, unter ihnen auch die Insassen des Autos, die einen Mann, den sie auf die Knie gezwungen hatten, „Allah ist groß“ rufen ließen und anschließend auf ihn feuerten. Die Männer wurden verhaftet, jedoch nach nur sechs Monaten wieder freigelassen.

Es wurde behauptet, man habe sie gegen die Geiseln in Mossul ausgetauscht. Die Behauptung wurde auch dadurch gestützt, dass man sie zeitgleich mit der Freilassung der 49 Mitarbeiter des türkischen Konsulats in Mossul aus der Haft entlassen hatte.

Die Freilassung der Männer war schon für sich ein Skandal. Dabei hatte das Schreiben des Geheimdienstes MIT an das Gericht eine entscheidende Rolle gespielt: „Sie haben keine Verbindungen zum IS“. In dem Bildmaterial waren auch Yunus Durmaz, der Planer des Massakers in Ankara und Ahmet Güneş zu sehen, der einer der führenden Köpfe des IS gewesen sein soll. Ungefähr ein Jahr später hat das gleiche Team das Massaker in Ankara geplant.

 

Gaziantep-Istanbul-Europa

 Ein weiteres Antwortschreiben des Geheimdienstes MIT an die Staatsanwaltschaft belegte, dass man auch über die Anschläge des IS im Ausland schon Erkenntnisse gewonnen hatte. Trotzdem konnten die Massaker nicht verhindert werden. Der Generalstaatsanwalt in Ankara bat den Geheimdienst 13 Tage nach dem Massaker am Hauptbahnhof in Ankara um Informationen über die Hintergründe. Dokumente und Informationen, die an die Generalstaatsanwaltschaft weitergegeben wurden, machten deutlich, dass viele schwere IS-Anschläge vorhergesehen werden konnten. In dem Schreiben zählte der Geheimdienst die Anschläge auf, die im Vorfeld bekannt waren, aber trotzdem nicht verhindert werden konnten:

 

Brüssel

„… dass Personen, die mit DAESH (IS) in Verbindung stehen, in der Türkei und in Belgien Attentate ab Dezember 2015 planen …”

 

Sultanahmet, Istanbul

 „Es liegen Informationen darüber vor, dass eine fünfköpfige Zelle des DAESH am 31.12.2015 in Ankara oder Istanbul einen spektakulären Selbstmordattentat plant.“

 

Kilis

 „Für den Fall, dass Bodentruppen gegen DAESH vorgehen sollten, sind Attentate vor allem in Kilis zu erwarten …”

 

Die Polizei mahnt, die Stadt leiht das Zelt

Die Geschichte und Beziehungen von Murat Taşçı, derzeit noch im Gefängnis, erzählen einiges darüber, wie der IS in Gaziantep jahrelang scheinbar unbemerkt blieb. Seine Aussagen geben Hinweise darauf, wie die IS-Morde fast mit Vorankündigung kamen. Er gab zu Protokoll, dass er Yunus Durmaz und Ahmet Güneş über seinen in Syrien getöteten Bruder kannte und gab spannende Details preis: Nach dem Tod seines Bruders bitten sie die Stadt um ein Zelt, um die Beileidswünsche zu empfangen. Yunus Durmaz und Ahmet Güneş kümmern sich um die Organisation von Speisen und Getränken. In diesen Tagen kommen zwei Polizeibeamte von der Terrorbekämpfung und sagen ihm: „Halt dich fern von Durmaz und Güneş. Auch dein Bruder ist den beiden in die Falle gegangen.“

Das alles geschah 2013 in Gaziantep und hatte nur eines zu bedeuten: Die Planer der Massaker waren schon zwei Jahre vorher namentlich bekannt.

 

 Zwischen zwei Wahlen

Zwar konnten türkische Soldaten nicht in den Moscheen von Damaskus ihr Freitagsgebet verrichten, wie es der türkische Ministerpräsident Erdogan sich gewünscht hatte. Doch der IS spielte eine wichtige Rolle bei entscheidenden politischen Veränderungen in der Türkei. Besonders die Anschläge in Suruç und Ankara zeigten, dass in dem Land nichts mehr bleiben würde, wie es war.

Der Anschlag in Suruç fand am 20. Juli 2015 statt, also unmittelbar nach der Wahlniederlage der AKP am 7. Juni. Einer der Kläger von Suruç fasste das Ereignis mit den Worten zusammen: „Dieses Massaker ist der erste Schritt der Regierung, um die verlorene Macht durch Blutvergießen zurück zu erobern.“

Tatsächlich gewann die AKP die Neuwahlen am 1. November 2015.

Die Ereignisse zwischen diesen beiden Wahlen liefern wichtige Hinweise. Es wurde schon oft gesagt, dass man alle Massaker hätte verhindern können, wenn man das erste verhindert hätte. Dieses Urteil wird zwischen den Zeilen der Dokumente und der Anklageschriften bestätigt.

Vor dem Attentat im Kulturzentrum Amara in Suruç wurde die Polizei vor einem solchen Akt gewarnt. Sie wurde aufgefordert, Kameraaufnahmen im öffentlichen Raum zu sichten und Sicherheitsmaßnahmen gegen Selbstmordattentäter zu treffen. Doch trotz der konkreten Warnungen kam es zu dem Massaker.

Es gab starke Verbindungen zwischen den Massakern in Suruç und in Ankara: Das Team war das gleiche, die Attentäter waren Brüder.

Während es dem Team aus Gaziantep gelang, trotz jahrelanger Beobachtung beide Massaker zu planen, wurde auch Adıyaman, eine Stadt, aus der viele Selbstmordattentäter kommen, völlig vernachlässigt. Abdurrahman Alagöz, der Scheich aus Adıyaman verwandelte Suruç in ein Blutbad, sein Bruder Yunus Emre Alagöz tat das gleiche in Ankara.

Der Staat ließ den Bruder des Suruç-Attentäters, dessen IS-Verbindungen bekannt waren, in Ruhe. Vor dem Anschlag in Ankara waren insgesamt 62 Geheimdienstberichte verfasst worden; einer von ihnen wurde an dem Tag der Explosion abgeschickt. Die Berichte enthielten sogar den Namen des Attentäters Yunus Emre Alagöz.

 

Als hätte man es die ganze Zeit gewusst!

Es ist tatsächlich bemerkenswert: Trotz der technischen und physischen Überwachung über einen langen Zeitraum, trotz detaillierter Kenntnisse über die gesamte IS-Organisation in der Türkei konnte der Staat den ersten Anschlag „nicht vorhersehen“ und der zweite wurde nicht verhindert. Erst nach dem Massaker in Ankara begann der Staat Operationen gegen den IS durchzuführen. Die Täter konnten sofort gefasst werden, ganz so, als hätte man die ganze Zeit gewusst, was sie gerade treiben. Aber einige von ihnen – und zwar, warum auch immer: die wichtigsten – wurden in den Operationen getötet.

Dieser Text wurde aus dem Türkischen von Recai Hallaç übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Der Text erschien in der ersten Ausgabe des #ÖZGÜRÜZ-Magazins.

 

2018-03-02T12:42:03+00:00