Freundliche Übernahme – wie die Russen ein deutsches Hotel in der Türkei erobern

Obwohl türkische Hotels derzeit mit Kampfpreisen um Touristen werben, liegt die Zahl der ausländischen Besucher in der Türkei weiter deutlich unter der von 2015. Foto: Olga Kapustina

Erdoğan und Putin sind wieder Kumpels. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind hingegen schlechter denn je. Was bedeutet das für ein All-Inclusive-Hotel auf der türkischen Riviera?

„Heute ist ein schöner Tag. La la la la la…“ Mit diesem Lied beginnt jeder Morgen in unserem Hotel im türkischen Mittelmeerstädtchen Okurcalar bei Alanya. Das Animationsteam stellt sich an den Rand des großen Pools mit türkisfarbenem Wasser. Die sonnengebräunten Jungs in weißen T-Shirts strecken ihre Arme, machen die Fäuste und singen dabei: „Und ich flieg, flieg, flieg, wie ein Flieger, bin so stark, stark, stark wie ein Tiger…“ Die Gäste machen nach, aber singen nicht mit. Sie sprechen kein Deutsch, sondern Russisch.

Die Tafel im Wellness-Center sind auf Deutsch. Das einstündige Wohlfühl-Programm mit Hamam und Massage kostet 50 Euro. Der Manager im weißen Kittel erzählt, dass während im letzten Jahr circa 90 Prozente der Gäste im Hotel Deutsche und nur zehn Prozent Russen waren, ist es in diesem Jahr genau umgekehrt. Schuld daran seien seiner Meinung nach Frau Merkel, die sich mit Erdoğan „gestritten hat“, und die Journalisten, die „schlecht über die Türkei schreiben“. Der Türke vom Bodensee spricht akzentfreies Deutsch – und inzwischen ein paar Worte Russisch: „Pjat minut test massasch besplatno“. Er bietet zwei Damen, die gerade ins Wellness-Center reingegangen sind, eine kostenlose fünfminütige Massage zur Probe an. „Wir kommen später“, sagen die Frauen auf Russisch und verschwinden. Das Geschäft läuft scheinbar nicht so gut.

Obwohl die Zahl ausländischer Touristen im April 2017 zum ersten mal seit 2015 stieg, steckt der Tourismussektor in der Türkei in einer Krise. Bombenanschläge, der gescheiterte Putschversuch vom Juli 2016 und der autoritäre Kurs von Präsidenten Erdoğan schrecken Touristen ab. Aus Russland, dem zweitwichtigsten Herkunftsland der Türkei-Urlauber, kam über Monate niemand. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im November 2015 hatte Russlands Staatschef Waldimir Putin verschiedene Sanktionen gegen die Türkei verhängt, mitunter eine Reisewarnung, die faktisch einem Reiseverbot gleichkam. Im Juni 2016 wurde das Verbot aufgehoben. Seitdem hat sich die Zahl der russischen Gäste verfünffacht. Doch die andauernde Wirtschaftskrise zwingt die russischen Touristen dazu, den Gürtel enger zu schnallen.

Über die Kaufkraft der Russen klagt auch der Kiosk-Besitzer im Hotel: „Sie kaufen im Unterschied zu den Deutschen sehr wenig.“ In Anlehnung an den weltberühmten Big-Mac-Index, der die Kaufkraft verschiedenen Währungen durch den Vergleich der Preise eines Big Mac misst, könnte man in unserem Hotel den Single-mit-Kind-Index einführen. Während ein Elternteil mit einem Kleinkind aus Deutschland für eine Woche Pauschalurlaub 700 Euro zahlt, bekommen Singles mit Kind aus Russland oder Weißrussland für die gleiche Summe 10 Tage All-Inclusive-Urlaub.

Im Miniclub wurde zu Beginn dieser Saison neben einer deutschsprachigen Babysitterin auch eine russische Kollegin eingestellt. Die deutschen Mütter schielen auf die russischen Mütter, die laut lachen, während ihre Kinder ohne Kopfhören einen Zeichentrick auf dem Tablet gucken. Die Russinnen lästern ihrerseits über die Deutschen, die im Beisein ihrer Kinder rauchen. Sie kennen wohl nicht den Preisunterschied für Zigaretten in Deutschland und der Türkei. Im Internet loben die Russen das Hotel für „die deutsche Ordnung und Organisation“. Unten den deutschen Bewertungen lese ich: „Das einzige Manko ist, dass die russischen Gäste sich echt oft laut und daneben benommen haben.“

Vor der Abendshow bietet der Moderator zuerst die Deutschen zu klatschen, danach die Türken und die Russen. Ein Teil der Zuschauer hat bei keinem mitgeklatscht. Das sind Polen, Weißrussen und Ukrainer, die der türkische Moderator wohl in die Gruppe „Russen“ mit eingegliedert hat. Sie beschweren sich nicht. Auch Wortschlachten am Strand zwischen Russen und Ukrainern sind Geschichte. Nach drei Jahren Krieg sind die Ukrainer wohl zu müde. Und die Begeisterung der Russen über die „Wiedereingliederung“ der Krim hält sich inzwischen in Grenzen. Nur das ein oder andere Sankt-Georg-Band, in Russland ein staatliches Symbol für den Sieg im Zweiten Weltkrieg, das am Koffer oder Kinderwagen angebunden ist, verrät die Einstellung seines Besitzers.

Nach der Abendshow geht die Party an der Pool-Bar weiter. Viele russische Gäste können der türkischen Gastfreundschaft nicht widerstehen. Wie auch, wenn Alkohol bis zur späten Stunde kostenlos und reichlich vorhanden ist und an der Bar ein Schlager von Juri Schatunow aus den späten 80ern läuft. Der Tag in unserem Hotel beginnt auf Deutsch – und endet auf Russisch.


Veröffentlicht am 19. Juni 2017

Olga Kapustina

2017-06-19T14:04:31+00:00