Hungerstreik am Kölner Dom

Seit 60 Tagen befinden sich die Universitätsdozentin Nuriye Gülmen und der Lehrer Semih Özakça im Hungerstreik. Am Sonntag solidarisierten sich Wissenschaftler*innen am Kölner Dom mit ihren Kolleg*innen in der Heimat.

Türkeistämmige Wissenschaftler*innen der Gruppe „Barış için Akademisyenler“ (Deustch: Akademiker*innen für den Frieden) haben am Sonntag in Köln mit einer Protestaktion auf Nuriye Gülmen und Semih Özakça aufmerksam gemacht. Die Akademikerin und der Lehrer befinden sich seit 60 Tagen in der Türkei im Hungerstreik. Gülmen und Özakça wurden über Nacht per Dekret entlassen und demonstrieren in Ankara vor dem Menschenrechtsdenkmal in der Yüksel Straße dafür, ihre Arbeitsstellen zurück zu bekommen.

„Alleine von Akademiker*innen für den Frieden wurden 452 Mitglieder entlassen“, sagt Betül Havva Yılmaz, die ebenfalls ihre Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Eskişehir verlor und nun an der Universität Mainz in vergleichender Literaturwissenschaft promoviert. „Wer in der Türkei als Lehrer oder Wissenschaftler per Notstandsdekret entlassen wird, darf nie wieder in seinen Beruf zurückkehren. Die Entlassung kommt einem lebenslangen Berufsverbot gleich.“

Ein Berufsverbot, von dem seit Beginn des Ausnahmezustands im Juli 2016 7916 Wissenschaftler*innen und 33990 Lehrer*innen betroffen sind. Die Sozialwissenschaftlerin Latife Akyüz wurde schon vorher entlassen. Sie verlor ihre Stelle an der Universität von Düzce im Januar 2016, da sie mit rund 2200 anderen Kolleg*innen aus der ganzen Türkei eine Petition unterzeichnet hatte, in der eine friedliche Beilegung des Kurdenkonflikts in der Türkei gefordert wurde. Seit dem vergangenen Sommer hat die Professorin eine Stelle an der Goethe-Universität Frankfurt, die im Rahmen der Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung an „gefährdete ausländische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen“ finanziert wird.

Wie die anderen Wissenschaftler*innen, die heute in Köln und am kommenden Sonntag in Berlin protestieren, will sie zurück in die Türkei: „Niemand aus unserer Gruppe hat bislang Asyl in Deutschland beantragt. Wir wollen alle wieder zurück in die Türkei und dort als Wissenschaftler arbeiten.“ Doch wann das sein wird, können weder Akyüz noch Yılmaz sagen.

Die Sozialwissenschaftlerin Latife Akyüz (links) und die Literaturwissenschaftlerin Betül Havva Yılmaz traten am Kölner Dom in einen temporären Hungerstreik. Bild: Stefan Laurin

Stefan Laurin

2017-09-29T15:03:41+00:00