An die Stätten des Verbrechens zurückkehren, um das Trauma der Auslöschung zu durchleben

Die Eltern von Janine Altounian haben den Völkermord an den Armeniern überlebt. 2013 kehrte die Essayistin zum ersten Mal in die türkische Heimat ihrer Eltern zurück. Eine Erzählung. 

Die jüdische Auseinandersetzung mit dem Holocaust hat den Begriff „post-genozidales Trauma“ geprägt. Dieser Begriff erlaubt es mir, dem, was ich am 6. November 2013 in der türkischen Stadt Bursa erlebt habe, einen Namen zu geben.

Bursa war das Ziel einer Reise ins Land meiner Vorfahren, die 98 Jahre zuvor von dort vertrieben worden waren und ihr Land für immer hatten verlassen müssen – die meisten von ihnen, um auf dem Weg in die syrischen Wüsten umgebracht zu werden oder aus Erschöpfung zu sterben.

Nachdem ich meine 30-jährige Mitarbeit an den Gesammelten Werken Sigmund Freuds als Mitübersetzerin und Koordinatorin beendet hatte, konnte ich mich der Entscheidung nicht mehr entziehen, endlich, zum ersten Mal, in die Türkei zu reisen. Nach Bursa, dem Herkunftsort meiner Familie im Osmanischen Reich der Zeit vor dem armenischen Genozid von 1915.

Die sicheren Bedingungen einer Studienreise veranlassten mich, an der Reise teilzunehmen, obwohl mir ein solches Abenteuer eine unbestimmte Angst einflößte. Während ich Filme türkischer Regisseure sah und auch liebte, während ich dabei ein unerwartetes, mich verunsicherndes Vergnügen empfand, ihre Sprache zu hören, die Sprache meiner Eltern [Anm. d. Red.: In vielen Regionen des Osmanischen Reiches war die armenische Bevölkerung türkischsprachig], die ich mit Hilfe der Untertitel verstand, hatte ich realisiert, dass meine Angst, in dieses Land zu reisen, nicht so sehr die Angst gewesen war, umgebracht zu werden – obwohl das in diesen Gegenden manchmal vorkommt -, als vielmehr die Angst vor dem Gefühl, dass dieses Land ebenso gut das Meine hätte sein können.

Würde ich dort den Spuren der heimweherfüllten Erzählungen meiner Großmutter begegnen? Was würde ich damit anfangen? Ich befürchtete, dort den nicht wiedergutzumachenden Schmerz ihrer Verluste für mich selbst wieder zu erleben. Alles in allem graute mir davor, dieses Anderswo zu entdecken, dem ich entsprungen war, ohne es zu kennen, das aber sehr wohl in der Welt existierte. Das Anderswo eines Vaters, der die Gefahren seiner Deportation nur seinen Freunden anvertraute – und ausgerechnet auf Türkisch, das ich nicht verstehen durfte.

Als das Datum der Abreise bedrohlich näher rückte, musste ich schon ab Juli in Istanbul, dieser Erbin von Byzanz, die von den Meinen immer noch „Bolis“ (Constantinopolis) genannt wird, zahlreiche Kontakte mit armenischen Zeitungen und Verlegern sowie türkischen oder jüdischen Psychoanalytikern knüpfen. Ich empfand diese Kontaktaufnahmen mit unbekannten, beunruhigenden und dennoch für meine Suche wesentlichen Personen und Orten wie ein gewaltsames Eindringen in mein aktuelles Leben. Ich wurde dadurch psychisch in andere Gegenden deportiert als die mir vertrauten des „Gastlandes“, Frankreich, in dem ich geboren war und in dem ich in diesen Sommertagen gerade geruhsam meine Ferien verbrachte. Da verstand ich, dass die diffuse Angst und die zahlreichen Fehlleistungen beim Näherkommen dieser existentiellen Reise mich bereits dem Ort entfremdeten, an dem ich mich hier und jetzt befand. Ich war nicht mehr da, ich war an einem Ort, ohne dort zu sein, ich wurde geplagt von einem Ort, der nicht vorhanden war und sich dennoch als seit jeher in mir gegenwärtig entpuppte.

An diesem Mittwoch, dem 6. November, entdeckte ich nur mit großer Mühe und mit Hilfe eines Führers hinter Prachtstraßen, die mit unzähligen Hochhäusern und Geschäftszentren triumphal gesäumt waren, die ungewissen Viertel meines Vaters und meiner Großmutter. Dort tauchten vor meinen Augen plötzlich leere Häuser mit klaffenden Öffnungen auf, Trümmer, die die bedrückende Hässlichkeit des Elendes zur Schau trugen, eingestürzte, verwahrloste Häuser. Mit Ausnahme einiger, die nach ihrer Aneignung ohne Rücksicht auf die alten Steine wieder hergerichtet worden waren, boten die andern den scheußlichen Anblick geplünderter Häuser mit aufgerissenen Dächern, die langsam in sich zusammenfielen, um ohne Zweifel eines Tages durch Hochhäuser ersetzt zu werden, die jede Erinnerung an die Vergangenheit tilgen würden. Ein bestimmtes Haus zu finden, das der Großmutter, von welchem ich wie durch ein Wunder die Besitzurkunde besaß, machte nunmehr überhaupt keinen Sinn mehr, so sehr fühlte ich mich wie in einem Alptraum an einen gespenstischen Ort außerhalb jeder Zivilisation verirrt, den ich nur noch möglichst schnell verlassen wollte.

Ich wurde auf gefährliche Weise von der Vergangenheit eingeholt: Diese verwahrlosten Häuser vermittelten die unabänderliche Anwesenheit der abwesenden Seelen, indem sie diese herbeiriefen, der Seelen, die dort früher menschlichen Behausungen Leben eingehaucht hatten. Und wie unter der Wirkung einer Art Metonymie war es der Schock dieses Anblicks, zu dem hin ich unbewusst per Flugzeug und Schiff geführt worden war, der mittels der Erinnerung an einige Fotos die Halluzination von Scharen vertriebener, verjagter Männer, Frauen und Kinder vor meinen Augen aufsteigen ließ, die auf die Straßen des Todes getrieben worden waren, als sie diese Häuser definitiv verlassen mussten, ihre von nun an herrenlosen, Plünderungen preisgegebenen Häuser.

Als ich auf diese Weise sah, „von wo“ sie für immer hatten weggehen müssen, verstand ich zum ersten Mal wie aus eigener Erfahrung, was „für sie“ ein solch endgültiger Aufbruch bedeutet haben mochte. Selbstverständlich hatte ich unzählige Szenen dieser armenischen Geschichte gelesen und natürlich auch Varianten ähnlicher Schicksale, zum Beispiel das der Juden aus Osteuropa, aber angesichts dieser Steinwüste spürte ich zum ersten Mal physisch die mir brutal übermittelte Wirklichkeit dessen, was die Vertreibung dieser Menschen bedeutet haben mochte. Zum ersten Mal erfasste ich zutiefst, was René Kaës [Anm. d. Red: Französischer Psychoanalytiker, der mehrere Bücher über das traumatische Erbe geschrieben hat] in einem Gespräch mit mir so zutreffend benennen konnte: „ins Land seines Ursprungs zurückkehren heißt, zu seinem amputierten Wurzelstock zurückkehren.“

Nun hatte ich die in einer schmutzigen Umgebung versunkenen Häuser meiner Ahnen endgültig verloren. Sie existierten nur noch in meinem Innern und in dem, was diese Namen eines strahlenden Orients, Mudanya, Yalova, Çekirge, mir von den Sehnsüchten meiner Großmutter in Erinnerung riefen. Und doch liebte ich es, in den Straßen die türkische Sprache zu hören, die man mir nie beigebracht hatte. Auf der Fähre über das Marmarameer, im Car von Mudanya nach Bursa, in den Taxis und auf den Straßen waren die Leute im Allgemeinen liebenswürdig, malerisch, neugierig auf Ausländer und bereit, Auskunft zu geben. Die Sträßchen mit den Schmieden, den Börek-, Su börek-, Teppich- und Gewürzverkäufern erinnerten mich an eine schmerzlich vertraute Welt.

Wo war ich genau? Von welchem Fixpunkt in meinem Innern aus richtete ich einen unbewegten Blick auf diese Szenen voll unheimlicher Vertrautheit, die ich gerade durchlebte? Erfüllten sie mich mit Freude oder Verzweiflung? Hatten Freude oder Verzweiflung noch irgendeine Relevanz an diesem Ort, an dem ich nicht existierte?

Ich hatte mich immer „daheim“ gefühlt in Frankreich, dem Land, in dem ich geboren war und hatte dessen Schulen und die Freude am Denken, die sie vermittelten, geliebt. Doch ich hatte rasch den Verdacht, dass ich mich im Gegenteil deshalb so leicht mit der Beunruhigung identifizieren konnte, die trotz allem die warme Gastfreundschaft der Istanbuler Armenier durchdrang, dass ich mich deshalb ihrer Atmosphäre so seltsam nah und gleichzeitig durch eine rettende Distanz so hoffnungslos von ihr getrennt fühlte, weil ich sie als etwas schon Erlebtes wiedererkannt hatte: Ich musste als Kind unbewusst diese Beunruhigung gespürt haben, die meine vor kurzem eingewanderten jungen Eltern, in denen noch die Erinnerung an das wohnte, was sie überlebt hatten, auf mich übertrugen. Ja, es war die Empathie mit ihrer bedrohten Existenz, – die ich verdrängt hatte, die mich aber dazu gebracht hatte, zu schreiben – diese Empathie war es, die die Unsicherheit ihrer Lage auf mein eigenes Konto übertrug: sich dort, wo man lebt, nicht „zu Hause“ ,“bei sich „ zu fühlen.

„Zu mir“ nach Hause zurückgekehrt konnte ich mithin erahnen, was eine kürzlich eingewanderte junge Mutter im Lande ihres Exils erlebt, wenn sie ein Kind „zur Welt“ bringt, während sie durch und durch geprägt ist von einer Welt, aus der sie aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen vertrieben worden ist, einer Phantomwelt, die zu einem grenzenlosen Nirgendwo geworden ist in Bezug auf die Welt, in der sie ihr Kind geboren hat, die sie aber dennoch sehnsüchtig in sich trägt. In der „rätselhaften Botschaft“, die während der ersten Pflege im Rahmen der „primären mütterlichen Fürsorge“ von ihr ausgeht, kann sie ihrem Säugling nur ein Palimpsest von geographisch und psychisch unvereinbaren Räumen übermitteln, eine äußerst unbequeme Überschneidung von Perspektiven, welche in angsterfüllten Episoden seines Erwachsenenlebens wieder zutage treten.

Sei es nun direkt durch die Mutter oder durch ihre aggressive Verbissenheit in die Arbeit was sich auf das Kind einer jungen, im Exil lebenden oder in ihrem Land von Verfolgung bedrohten Mutter überträgt, ist die Ungewissheit, irgendwo ein zu Hause, ja sogar später irgendwo ein Grab zu haben. Ist es nicht das Fehlen eines eigenen, sicheren, inneren Ortes mit schützenden Grenzen, welches bei einigen Überlebenden oder Kindern von Überlebenden zu Suiziden führt? Nur schon durch die Tatsache, dass die Mutter ein Irgendwo gekannt hat, muss offensichtlich die Erfahrung eines von ihr erlebten „zu Hause“ übertragen worden sein, damit man sich an sichere, Halt gebende Grenzen anlehnen kann in unserer dem Chaos ausgelieferten Welt.


Janine Altounian wurde 1934 in Paris als Tochter von Überlebenden des armenischen Völkermordes geboren. Sie arbeitet als Essayistin und Übersetzerin und ist Teil des Teams, das Freuds Gesamtwerk ins Französische übersetzt hat. Seit über vierzig Jahren beschäftigt sie sich mit den psychischen Folgen des Völkermordes für die Überlebenden. 

Der Gastbeitrag ist eine abgekürzte, redaktionell leicht bearbeitete Fassung der Rede, die Janine Alotunian am 21. Mai 2017 im schweizerischen Winterthur bei dem Seminar „Transgenerationelle Weitergabe von postgenozidialen Traumata: Der Armenische Fall“ halten wird. 


Veröffentlicht am 24. April 2017

Menschen gedenken in Yervevan (Armenien) dem Völkermord an den Armeniern. Bild: KAREN MINASYAN / AFP

Ein Gastbeitrag von Janine Altounian

2017-09-29T15:09:07+00:00