„Hineinwachsen in mein Lebenshaus“

Warum der Anwalt und Schriftsteller Alpan Sağsöz lieber seinen Seelenfrieden sucht als reich und berühmt zu werden

Eine Fischvergiftung hat schon manchen außer Gefecht gesetzt. Alpan Sağsöz verdankt ihr sein drittes Buch. Er machte Urlaub in der Türkei und aß einen Fisch, der offenbar schon einige Tage alt war. Wenig später hütete er mit Magengrimmen das Bett – und begann aus lauter Langeweile, über seine Reisen in die Türkei zu schreiben. Die Keimzelle der „Türkei-Rallye“, 2014 veröffentlicht.

Alpan Sagsöz wurde 1973 in einer Kleinstadt bei Köln geboren. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik, der Vater bei Ford. Da eine Betreuung für die Kinder fehlte, wurden der dreijährige Alpan und sein sechsjähriger Bruder nach Istanbul in ein Internat gebracht. Das sei die prägendste Erinnerung an seine Kindheit, sagt Alpan. Ein paar Monate habe er es im Internat ausgehalten, dann wurde er krank. Die Eltern holten die Brüder zurück nach Deutschland.

Die Assoziationen aus dieser Zeit, verarbeitete Alpan in seinem Roman „Schwarze Katze aus Konstantinopel“. Ein Werk der Fiktion, natürlich – aber die Betreuerin, die den kleinen Jungen in ein dunkles Zimmer sperrt, gab es wirklich. Durch die Arbeit an dem Roman, sagt Alpan, konnte er wieder den dunklen Raum fühlen, in den er damals eingesperrt war. Und wie es war, als die Eltern sagten, sie kämen wieder, aber dann nicht zurückkamen.

30 Jahre später, als Alpan bei einer Tante in Istanbul zu Besuch war, überreichte sie ihm weinend eine blauweiß-karierte Decke. Die Decke, an die er sich im Internat immer geschmiegt hat.

Zurück in Deutschland, sah es für die beiden Jungs nicht besser aus. Die Eltern arbeiteten Vollzeit. „Meine Schulzeit fing spooky an“, sagt Alpan nachdenklich. Eine Tante habe ihn eingeschult. Die Eltern konnten sich zu seiner Einschulung nicht frei nehmen.

Als die Eltern sich scheiden ließen, lebte Alpan bei seinem Vater und einer streng religiösen Stiefmutter. Er schaffte es aufs Gymnasium und machte eine Lehre zum Industriekaufmann. Er wusste, er konnte seinen Weg nur dann gehen, wenn er so schnell wie möglich selbständig wurde und auszog.

Seine damalige Freundin riet ihm, Jura zu studieren. Nichts lag ihm ferner. Eigentlich. Dennoch nahm er ihren Rat an, bewarb sich – und bekam den Studienplatz an der Universität Köln. „Am Anfang kam ich mir in dem Riesengebäude vor wie Falschgeld“, erinnert sich Alpan. Er traute sich nicht zu, dass er es schaffen würde. Ständig kamen Zweifel hoch und die Frage, ob es gut gehen werde. Ging es. Semester für Semester bestand er die Prüfungen.

Heute ist Alpan Fachanwalt für Familienrecht, internationales Scheidungsrecht und Arbeitsrecht. Er hat eine Kanzlei in Bonn und eröffnet in Kürze einen Ableger in Köln. Er möchte auch in Zukunft beides tun, als Anwalt arbeiten und Bücher schreiben. Um auch seine emotionale, seelische Seite auszuleben. Die intellektuelle Seite stehe in unserer Gesellschaft ohnehin immer im Vordergrund. Das sei ihm zu wenig.

Eine Kolumne von Semra Uzun-Önder

2017-09-29T15:16:53+00:00