„Reis“: Ein Propagandafilm, der den Wahlkampf anheizt

Der Biografie-Film „Reis“ läuft in deutschen Kinos. Er erzählt die Lebensgeschichte von Recep Tayyip Erdoğan – und erledigt jene Propaganda, die türkische Minister momentan in Europa nicht machen können. 

Während in mehreren europäischen Ländern die Auftritte türkischer Minister untersagt werden, geht Präsident Erdoğan auf Wahlkampagne in deutschen Kinos. Seit Monaten war die Premiere des Propaganda-Filmes „Reis“ („Der Anführer“) in der Türkei angekündigt worden. Pünktlich zum Wahlkampf für das Referendum zur Verfassungsänderung Mitte April läuft er nun auch in europäischen Kinos.

In Deutschland gibt es wohl nur zwei Gruppen von Menschen, die sich den Film ansehen: Eine kleine Minderheit interessierter Kritiker, die sich zwei Stunden mit diesem Propagandawerk auseinandersetzen wollen, und eine Mehrheit derjenigen, die schon eingefleischte Erdoğan-Fans sind. In jedem Fall gerät wohl niemand zufällig in die Vorführung: In dem einzigen Berliner Kino, das den Film zeigt, das „Alhambra-Cineplex“, hängt kein einziges Filmplakat. Und tatsächlich: Das Publikum ist erstaunlich bescheiden, insbesondere für die Spielzeit, einen Samstagabend. Nicht mehr als dreißig Leuten sitzen im wahrscheinlich kleinsten Vorstellungssaal. Für einige ist der Kinobesuch ein Familienausflug, der mehrere Generationen verbindet, bei anderen sieht es aus wie ein romantisches Date.

Ohne von Werbung aufgehalten zu werden, wird das Publikum gleich in den Bann gezogen: Der kleine Tayyip, ein dünnes Kind aus einfachen Verhältnissen, erleidet sein erstes Kindheitstrauma mit der Verkündung des Todesurteils über den erste aus freien Wahlen gewählten Ministerpräsident der Türkei Adnan Menderes – bis heute Erdoğans politisches Vorbild. Der Film zeigt Erdoğans Kindheit im Istanbuler Viertel Kasımpaşa, seine politische Karriere als Bürgermeister von Istanbul und endet mit Erdoğans Inhaftierung im Jahr 1999 aufgrund eines Gedichtes, das gegen die säkularen Grundlagen der Türkei verstößt. Doch vor allem geht es im Film darum, dass egal in welcher Lebensphase, das Volk immer hinter Erdoğan steht.

Der Regisseur Hüdaverdi Yavuz und der Erdoğan-Darsteller Reha Beyoğlu, selbst bekennender Erdoğan-Anhänger, nehmen ihren Auftrag ernst. Sie schaffen das Bild eines makellosen, gottesfürchtigen und respekteinflößenden Anführers, wie man es eher aus Filmen über bereits verstorbene Berühmtheiten kennt. Die unsinnigen Zeitsprünge zwischen der Kindheit des kleinen Tayyip und des erwachsenen Bürgermeisters Erdoğan wirken verwirrend. Ebenso undurchsichtig scheint zunächst die Aufteilung von den „Guten“ und den „Bösen“. Doch wenn man ein paar humanistische Vorurteile über Bord wirft, dann versteht man, dass die Alkohol trinkenden, reichen Parteibürokraten schlecht und verlogen sind, während ihre Gegner mit Waffengewalt die Moral gegen solche Sündiger verteidigen müssen.

Zwischen den vielen Handlungssträngen und Konflikten, die sich im Istanbuler Stadtviertel Kasımpaşa abspielen, wandelt der kleine Tayyip wie ein Heiliger durch die Straßen. Die Erwachsenen nennen ihn bereits „Hoca“ (Gelehrter, Geistlicher) und die Kinder rufen ihn „Reis“ (Anführer), was eigentlich eine Bezeichnung aus der nationalistisch-faschistischen Bewegung und deren Partei MHP ist. Der Imam sieht ein „Leuchten“ in seinen Augen, das Geld, was er für ein Fahrrad sparte, schenkt er einer armen Frau und als Erwachsener rettet er ein Hundebaby aus dem Brunnen. In dem ganzen Kitsch gehen die Frauen vollkommen unter, mehr als ein bescheidenes Lächeln oder einen wehleidigen Blick bekommt man von ihnen nicht mit. Umso mehr Dramatik liegt in den Szenen, die Erdoğans Kampf gegen die Justiz zeigen. Plumpe Metaphern symbolisieren die Rache des Volkes, vor der sich der alte Staatsapparat fürchten soll. Doch so brutal das wütende und unterdrückte Volk auch manchmal reagiert, Erdoğans Weste bleibt immer weiß, seine Mimik gerät nie aus der Fassung, sondern drückt höchstens disziplinierende Strenge aus. Dieser Film-Erdoğan spricht europäische Staatsoberhäupter nicht mit „Ey!“ an oder wirft mit Faschismusvorwürfen um sich. Aber er ist auch noch jung und hat die Zeit der harten politischen Auseinandersetzungen noch vor sich.

Der Film soll die Zuschauer von Erdoğans grundgütiger Frömmigkeit überzeugen. Als kleiner Tayyip wusste er bereits, wie man die anderen anführt und Verantwortung übernimmt und diese Eigenschaft brachte ihm den politischen Erfolg. Wer möchte so jemandem denn nicht seine Stimme geben? Im Film, so wie auch in der AKP-Realität, stellen sich ihm nur Alkoholiker und hinterlistige Intriganten in den Weg, deutlich sind hier die kemalistische Bürokratie und die Gülen Bewegung zwischen den Zeilen zu erkennen. Doch das einfache Volk stärkt ihm immer den Rücken und dies ist ein Aufruf, der vom Kino auf die Straße dringt.

In der hinteren Reihe des „Alhambras“ sitzt ein Vater mit seinem Sohn, der nach der Vorstellung mit stolzer Brust den Saal verlässt, als ob er seinen Bildungsauftrag erfüllt hätte. Auch der junge Tayyip besucht mit seinem Vater ein Freiluftkino, wodurch die Beziehung zwischen den beiden gestärkt wird. Genau wie in dieser Kino-Szene, die in den 60er Jahren spielt, wo die Zuschauer noch mit den Schauspielern auf der Leinwand interagierten, als seien sie im Theater, applaudieren auch die Besucher des Berliner Kinos zum Beginn des Abspanns.

Werden die gleichen Zuschauer sich auch den zweiten und dritten Teil der „Reis“- Filmreihe ansehen, die die Produktionsfirma Kafkasör-Film-Akademie bereits angekündigt hat? Auch diese sollen wie bereits der erste Teil an Erdoğans Geburtstag, dem 26. Februar, Premiere feiern. Es bleibt zu hoffen, dass das Interesse an solch einer Gehirnwäsche bis dahin gesunken ist und stattdessen Filme über demokratische Kämpfe für Meinungs- und Pressefreiheit, über feministische Proteste gegen Gewalt an Frauen, über die Befreiung politischer Gefangener und die Verurteilung führender AKP-Politiker nicht nur in europäischen sondern vor allem in türkischen Kinos gezeigt werden.

Der Schauspieler Reha Beyoglu verkörpert den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Bildnachweis: STR / AFP

Figen Yılmaz

2017-09-29T15:31:09+00:00