Beril Sun wäre fast Gitarristin geworden. Nun spielt sie  Geige in Crossover-Projekten und als Solo-Artistin. 

„23 Jahren meines Lebens habe ich in der Türkei zurückgelassen, um in Deutschland bei Null anzufangen“, erzählt die 31-jährige Geigerin Beril Sun selbstbewusst. Mit ihren langen blonden Haaren und ihren blauen Augen passt sie so gar nicht in das beharrlich existierende Klischee der dunkelhaarigen, dunkelhäutigen Türkin. Ja, diese Erfahrung mache sie ständig: „Alle europäischen Länder werden aufgezählt, wenn es darum geht, wo ich wohl herkomme, einzig auf die Türkei tippt keiner“, sagt sie. Dass die europäisch aussehende, Geige spielende Frau Türkin ist, passt einfach nicht in die Schublade in den Köpfen der Leute. Und es geht noch skurriler. Eine Frau habe Beril nach einem Konzert in Österreich angesprochen, um zu fragen, ob denn nicht ein großer Teil ihrer Heimatstadt aus Wüste bestehe. Nein, Istanbul, wo Beril 1985 geboren wurde, hat nichts von einer Wüste. Böse Zungen behaupten zwar, die Stadt hätte etwas von einer Betonwüste, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Beril wächst im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş auf. Als Enkeltochter des berühmten türkischen Komponisten Muammer Sun wird ihr die Musik sozusagen in die Wiege gelegt. Eigentlich will Beril Ballerina werden. Drei ihrer Tanten sind Ballettänzerinnen, aber sie raten ihr ab. Ballet habe keine Zukunft. Also meldet ihr Vater sie im Alter von 8 Jahren als Jungstudentin am staatlichen Konservatorium in Istanbul an, wo er als Dozent lehrt. „Mein Vater wollte um jeden Preis, dass ich Geige lerne“, sagt Berlin, „aber als ich bei der Anmeldung gefragt wurde, für welches Instrument ich mich interessiere, sagte ich ohne zu überlegen: Gitarre.“ Sie wusste eben schon früh was sie wollte, auch, wenn es ihren Vater damals umhaute. Mit 12 Jahren wechselte Beril dann in die Violin-Klasse, nahm an vielen Meisterklassen teil und spielte in mehreren Jugend-Orchestern, u.a. als Konzertmeisterin.

2008 begann ein neuer Lebensabschnitt in Berils Leben ein. Sie hatte schon immer ein Faible für Deutschland. Sie zog nach Detmold und meldete sich an der Hochschule für Musik als Master-Studentin an, um Violine und Kammermusik zu studieren. Es folgten Studien an den Hochschulen für Musik in Leipzig und ihr Master-Abschluss. Schließlich kam ein Ruf ins Ruhrgebiet. Beril folgte dem Ruf, um als Akademistin der Essener Philharmoniker zu spielen. Dann folgte eine Spielzeit für die Bochumer Symphoniker und schließlich das Folkwang Kammerorchester. Zu dem Zeitpunkt wusste Beril allerdings noch nicht, dass sie im Ruhrgebiet sesshaft werden sollte. Doch die Liebe kam dazwischen: Er heißt Gabriel.  Beril lernte ihn in seiner Bar kennen. Zufällig. Eines Tages ging sie spontan in die Bar, um Leute kennenzulernen. Sie sprach einen jungen Mann an der Theke an. Sie kamen ins Gespräch, verstanden sich auf Aufhieb, verliebten sich, zogen mit ihren beiden Hunden zusammen, verlobten sich bald – und so blieb Beril in Essen.

Das Ankommen tat ihr gut. Auch wenn sie heute nicht weiß, wie es in Deutschland weitergeht mit all den Pegida- und AfD-Geschichten, lebt sie gerne in Deutschland. „Die Menschen laufen ohne Angst über den Zebrastreifen und unsere Haustür ist keine Hochsicherheitstür aus Eisen wie in der Türkei.“ Allmählich denkt sie darüber nach, eine Familie zu gründen. Das ist ihr Wunsch für die Zukunft. Die Musik darf dabei auf keinen Fall zu kurz kommen. Dafür arbeitet Beril mit Leidenschaft an ihrer Solokarriere. Neben der klassischen Musik spielt sie auch in Crossover-Projekten und verzaubert ihr Publikum als Solo-Artistin. 2016 gründete sie das „Beril Sun Quartett“ mit internationaler Besetzung. Wichtige Auftritte bei der ExtraSchicht und in der Philharmonie haben sie bereits erfolgreich absolviert. Ob klassische oder Popmusik, wenn Beril Geige spielt, springt der Funke schnell von der Bühne auf das Publikum über. Ihre Performance ist ein Vergnügen für alle Sinne. Und wenn es mit Pegida- und Co. nicht so weitergeht, bleibt sie uns bestimmt auch erhalten.

Eine Kolumne von Semra Uzun-Önder