Armenische Gemeinde in Kanada, zarte Filetstücke und Hollywood

Ich grüße dich, mein lieber Bruder,

ich bete hier jeden Morgen an Jesus Christus für Wohlergehen, Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen in meinem Land. Natürlich erwähne ich dich ganz besonders in meinen Gebeten. Schließlich sind wir schon seit 27 Jahren befreundet.

In meinen letzten beiden Briefen habe ich dir von einem Fluch erzählt, der den Titel tragen könnte: „Wie miete ich eine Wohnung in Berlin?“ Das ist nicht ohne Folgen geblieben. Irgendwann klingelte mein Telefon mitten in der Nacht. Der Anrufer sprach im Auftrag der armenischen Gemeinde in Kanada. Dort drüben sei es gerade Tag. Wieso Kanada, höre ich dich fragen. Nur Geduld, ich erzähle es ja gerade. Viele in Kanada haben meine Briefe gelesen. “Der Junge leidet Not. Selbst wenn uns dieser Schwätzer egal wäre, ist es schade um seine Familie. Wir sollten ihm ein bisschen Geld schicken, damit der arme Schlucker ein Dach über dem Kopf hat”, haben sie gedacht. Als ich am Telefon dieses Angebot hörte, habe ich kurz nachgedacht, entsprechend etwa der Länge des vielbeschworenen Films über das vergangene Leben, der einem Todkranken in seinem letzten Moment vor den Augen abläuft. Vielleicht könnte ich sie einfach mal fragen, ob sie mir 1.500 Kanadische Dollar schicken würden. Noch während mir dieser Gedanke durch den Kopf ging, hörte ich mich in den Hörer rufen: „Ein stolzer Mann nimmt keine Almosen an!“ Trotzdem habe ich die Nummer des Anrufers unter „Favoriten“ gespeichert. Man weiß ja nie …

Bruder, man erzählt, hier seien Lebensmittel sehr günstig. Erlesene Käsesorten weltbekannter Hersteller, Feinkost vom Feinsten, die man nicht einmal bei „Şütte“ in Istanbul kaufen kann, das beste Fleisch, einfach alles, was du dir vorstellst, kriegst du für drei bis maximal fünf Euro. Manche Produkte werden zwar aus Schweinefleisch hergestellt, aber das ist mir egal, wie du weißt. Viele Seelen wohnen ach! in meiner Brust, armenische und griechische, linke und atheistische.

Als mir dann mein Lohn ausgezahlt wurde, habe ich sofort eines der guten Geschäfte in meinem Viertel aufgesucht, Kaysers oder so ähnlich. Entweder ist das eine deutsche Panzermarke oder der Laden gehört türkischen Einwanderern aus Kayseri, das sind gerissene Leute, die für ihren Unternehmergeist bekannt sind. Ich hatte ausgerechnet, dass ein voller Einkaufswagen um die 50 Euro kosten müsste. Ich habe meine Frau gebeten, auf einen Zettel auf Deutsch zu schreiben, wie man „Rinderfilet, zart wie türkischer Honig“ sagt. Der Frau an der Fleischtheke las ich dann mit einem Lächeln vor: „Ein Kilo Rind Filet bitte!“ Die Frau verschwand durch eine Tür hinter der Theke. Nach einer akzeptablen Zeit kam sie mit einem vakuumverpackten Filetstück zurück. Sie wiegte es ab: ein Kilo und 890 Gramm. Passt, gebongt, ich würde sogar zwei Kilo nehmen. Sie schob das Fleisch unter den Barcodeleser und sagte: „85 Euro“. 85? Hiermit erkläre ich jede Beziehung mit Rindern für beendet. Ab jetzt esse ich nur noch Schweinefleisch, es ist mir völlig wurscht, ob es Gott gefällt oder nicht. Sag es bloß nicht deinem Vater, er ist ja Pilgerfahrer.

Mein lieber Bruder, hier gibt es ein ganz interessantes Phänomen: die Schlüsselfrage. Als ich meine vorübergehende Wohnung bezogen habe, hat mich der Hausmeister einige Papiere unterschreiben lassen. Weil alles nur auf Deutsch war, habe ich natürlich nicht die Bohne verstanden. Aber eines davon war, wie ich erfahren musste, schon spannend. Formular zur Schlüsselübergabe. Mit einem einzigen Schlüssel kann ich nämlich die Haustür, die Wohnungstür, die Bunkertür, das Mülltonnenhäuschen, den Notausgang und die Dachluke öffnen. Der Typ hat mir wohl den goldenen Schlüssel der Stadt überreicht. Aber der gleiche Schlüssel passt zum Beispiel nicht in das Schloss der Nachbarwohnung. Der Schlüssel der Nachbarwohnung kann auch alle Türen öffnen, außer unserer. Diese Leute haben nicht nur den Mercedes entwickelt, sondern auch den fiberoptischmagnetischen Schlüssel.

„Diesen Schlüssel darfst du auf keinen Fall verlieren!“, sagte mir der Hausmeister. Mach mal halblang, einen neuen machen zu lassen kostet doch höchstens fünf Lira! Am nächsten Morgen ziehe ich den Mantel an, will zur Arbeit fahren, suche nach dem Schlüssel in der Tasche, aber er ist einfach nicht mehr da. Im Büro frage ich eine deutsche Kollegin, wo man einen nachmachen lässt. Da schaut sie mich mit Tränen in den Augen an und ruft: „Scheißeee!“ „Herr Hayko, zuerst müssen Sie zur Polizei und machen dort eine Aussage. Dann wird die Staatsanwaltschaft von Berlin ein Protokoll anfertigen. Sie müssen sofort die Versicherung informieren. Falls es in den nächsten sechs Monaten zu einem Einbruch im Haus kommt, sind Sie dafür verantwortlich. Die Versicherung wird Ihnen den Schaden in Rechnung stellen. Und die Polizei wird die Ermittlungen gegen Sie ausweiten“, sagte sie. „Zu Hause macht uns nicht einmal Erdoğan so viele Probleme, ich gehe zurück und ergebe mich der erhabenen, gerechten türkischen Justiz!“, habe ich aus vollem Hals gerufen. Zum Glück tauchte dann der Schlüssel zwischen den Spielsachen unseres kleinen Sohnes auf und der Eintrag in mein Vorstrafenregister wurde fürs Erste aufgeschoben.

Bruder, ich habe die ganze Zeit von mir erzählt. Wie läuft es bei dir? Der Typ bei uns hat mit dem letzten Dekret wieder einmal 4.000 Beamte entlassen, lese ich. Insgesamt haben mehr als 100.000 Menschen ihren Job verloren. Bis er Präsident wird, bleibt kein Bürger mehr im Land übrig. Wem will er dann überhaupt noch präsidieren?

Pass bitte gut auf dich auf. Nächste Woche schreibe ich wieder.

Viele Grüße an Mutter und Vater. Viele Grüße an deine Brüder. Gib dem Kleinen einen Kuss von mir.

PS: Es gibt eine schöne Entwicklung. Ein Freund von Mustafa Altıoklar (du weißt, der Filmemacher; ist zwar Kemalist, aber das macht nichts, er ist ja schließlich auch ein Mensch) möchte mein Buch „Schnecke“ verfilmen. Er will sich in Hollywood nach Geld umgucken. Ich habe sogar den Vertrag unterschrieben. Hoch lebe die „zeitgenössische Zivilisation“, an die uns Kemal Atatürk heranführen wollte! Hoch lebe Kemal Atatürk! Mein Bühnenprogramm „Schnecke“ soll auch auf die Tour gehen. Ich werde in ganz Europa auftreten, wahrscheinlich im April. Und irgendwann werden diese Briefe in einem Buch veröffentlicht. Wenn es so weiter so gut läuft, kann ich wirklich bald eine Wohnung mieten.


Aus dem Türkischen von Recai Hallaç

Eine Kolumne von Hayko Bağdat

2017-04-14T20:00:28+00:00