Ein Dorf unter Beschuss

  Das Dorf Koruköy. Bild: ANF 

Am 11. Februar wurde im kurdischen Dorf Koruköy eine Ausgangssperre verhängt. #ÖZGÜRÜZ hat mit Dorfbewohnern über die aktuelle Lage gesprochen.

„Wir erhalten aus dem Dorf Xerabê Bava (Koruköy), das an die Stadt Nusaybin angebunden ist, seit neun Tagen keine Meldung. Seit der Ausrufung einer Ausgangssperre in dem Dorf wurden die Strom- und Telefonleitungen gekappt. Es besteht deshalb keine Möglichkeit, Kontakt zu den Dorfbewohnern aufzunehmen.“ Die prokurdische Partei HDP veröffentlichte am vergangenen Sonntag diese Meldung auf ihrer Internetseite. Seit zwölf Tagen soll das Dorf in der Südosttürkei mittlerweile von der Außenwelt abgeschottet sein.

Das 1700-Einwohner starke Dorf Koruköy (Kurdisch: Xerabê Bava) gehört zur Provinz Mardin und liegt wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Am 11. Februar wurde dort zunächst eine eintägige Ausgangssperre verhängt: „Ein Einsatz wird in Dorf Koruköy ausgeführt, um Terrormitglieder zu neutralisieren und ihre Verstecke zu durchsuchen“, meldete die Gemeinde Mardin auf ihrer Internetseite. „Ab Samstag, 11. Februar um 20:30 Uhr, wird im Dorf Koruköy bis zur weiteren Bekanntmachung eine Ausgangssperre verhängt“.

Zwölf Tage später ist es immer noch kaum möglich, mit Dorfbewohner Kontakt aufzunehmen und mehr über die Lage zu erfahren. HDP-Abgeordnete versuchten am vergangenen Samstag das Dorf zu besuchen. Soldaten stoppten sie und verhinderten die Weiterfahrt. Das berichtet die prokurdische Partei in einer Stellungnahme.  Auch weitere Delegationen, wie etwa die des Menschenrechtsvereins und der Anwaltskammer Diyarbakır, sollen mit der Begründung abgewiesen worden sein, dass im Dorf eine Ausgangssperre herrsche und derzeit Militärmaßnahmen durchgeführt würden.

Auch unabhängige Journalisten haben keinen Zugang zum Dorf. Erst nach intensiven Bemühungen gelang es #ÖZGÜRÜZ, Einwohner zu kontaktieren. Diese behaupten, dass die Ausgangssperre anhalte. Dorfhäuser seien abgebrannt worden, Kampflärm sei immer wieder zu hören und insbesondere Kinder würden psychisch unter der Situation leiden.

Soldaten durchsuchten mehrmals das Dorf

Eine Einwohnerin, die aus Angst ihren Namen nicht nennen will, sagte #ÖZGÜRÜZ, die Situation im Dorf sei furchtbar. Sie habe fünf Kinder, das kleinste sei nur sechs Monate alt: “Ich habe keine Windeln mehr und muss es mit alten Kleidungsstücken wickeln. Die Kinder haben Angst. Da wir Außentoiletten haben, können sie vor Furcht nicht auf die Toilette gehen – ich bringe sie ins Badezimmer.”

Ihr Haus sei bereits wiederholt durchsucht worden. “Sie haben meinen Mann und meine Kinder vor meinen Augen geschlagen. Ich fragte, warum sie das tun. Man schrie mich an: ‘Vor uns habt ihr Angst, aber vor den Anderen [die Guerilla-Kämpfer Anm. d. Red] nicht!’„ Die Polizei habe dann ihren Mann mitgenommen: „Als er zurückkam, erbrach er sich mehrmals. Er spricht nicht mit mir. Er weint die ganze Zeit.”

Auch S.A. berichtet von einer ähnlichen Erfahrung: “Heute morgen haben wir Kampflärm gehört. Wir hatten große Angst. Heute haben sie ein Haus in unserer Nähe angezündet”, erzählt sie. Eine Kuh habe eine Rauchvergiftung erlitten. “Die Kinder sind psychisch sehr mitgenommen, ähnlich geht es den älteren Menschen.”

Seit der Ausgangsperre vom 11. Februar, würden die Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Die Lehrer hätten das Dorf verlassen und alle Häuser seien durchsucht worden. Das Haus von S.A. sei bereits zweimal durchsucht worden: “Sie werfen uns vor, dass wir keine Angst vor der Guerilla hätten, sondern nur vor ihnen. Es gibt eine Höhle, in der wir unsere Tiere unterbringen. Sie haben meinen elfjährigen Bruder in die Höhle vorgeschickt und sind dann hinterher”, sagte sie.

Die Gemeinde Mardin weist die Vorwürfe zurück

Ganz anders positioniert sich die Gemeinde Mardin. In einer Pressemitteilung vom 21. Februar heißt es, die Einsätze seien rechtsgemäß durchgeführt worden, falsche Informationen seien verbreitet worden: „Wir haben festgestellt, dass einige Medien, einige angebliche zivilgesellschaftliche Organisationen und einige Menschen über soziale Netzwerke Nachrichten verbreitet haben, in denen unsere Sicherheitskräfte verleumdet werden“. Vier Menschen, die in der Pressemitteilung als „Terroristen“ bezeichnet wurden, seien laut Angaben der Gemeinde während der Operation umgebracht worden.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Dorf Koruköy von Militäreinsätze betroffen ist. In den 90er-Jahren räumte das Militär das Dorf komplett. Erst nach der Jahrtausendwende kehrten wieder Menschen im Zuge der Rücksiedlungsprogramme zurück. Auch im vergangenen Jahr war im Kreis Nusaybin eine monatelange Ausgangssperre erklärt worden.

Eine Blockade im Sinne der AKP-Strategie

„Die Umringung dieses Dorfes hängt mit der Strategie der AKP-Regierung in Hinblick auf das bevorstehende Referendum über das Präsidialsystem zusammen“, sagte der HDP-Abgeordnete Ali Atalan gegenüber #ÖZGÜRÜZ. Die Regierungspartei wolle nationalistische Gefühle bedienen: „Die AKP will das Gefühl vermitteln, dass wenn es sie nicht gäbe, irgendwelche Kräfte das Land teilen würden“. Dabei ginge es für Erdoğans Partei einerseits darum, nationalistische Wähler für das „Ja“ beim Referendum zu überzeugen, andererseits sei das Ziel, die kurdische Bevölkerung einzuschüchtern. Seit der Verhängung der Ausgangssperre vor zwölf Tagen habe Atalan keine Nachrichten mehr aus dem Dorf erhalten, das in seinem Wahlkreis liegt. Er befürchtet, die Strategie der AKP werde noch brutaler, je näher das Referendum rückt.

Margherita Bettoni,

Zübeyde Sarı,

Sarah Schlack

2017-02-22T20:06:44+00:00