Ein Bildungssystem, in dem keiner verloren geht – davon träumt Suat Yılmaz. Der Talentscout sucht nach Schülern, die zwar gute Leistungen erbringen, aber aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer familiären Situation nicht studieren würden. 

„Ich habe einen Traumjob“, sagt der 41-jährige Suat Yılmaz, der erste Hochschul-Talentscout Deutschlands und mittlerweile auch stellvertretender Leiter des „NRW-Zentrums für Talentförderung“ an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen.

Er sitzt mir gepflegt und lässig gekleidet in einem Café gegenüber und strahlt Zuversicht aus, während er erzählt, dass es ihn glücklich macht, etwas verändern zu können. “Es gibt nichts Schöneres als Biografien positiv verändern zu dürfen“, sagt Suat, der seinen Job einem Zufall verdankt. Die Hochschule in Gelsenkirchen suchte im Mai 2011 einen Koordinator für Talentförderung. Suat stieg ein und entwickelte einen neuen Beruf, den Talentscout. Er besuchte Schulen im nördlichen Ruhrgebiet und hielt Ausschau nach Jugendlichen, die zum Studium befähigt, aber aus strukturellen oder persönlichen Gründen chancenlos sind.

Hinweise bekommt er heute von Lehrern vor Ort. Er motiviert und begleitet die Jugendlichen, bindet ihre Familien ein, hilft Hürden ab- und Brücken zu Kooperationsbetrieben und Hochschulen aufzubauen.

Aber wer steckt hinter dem Talentscout, der unzählige junge Menschen an die Hand genommen und ihnen geholfen hat, ihren Weg zu gehen?

Geboren im türkischen Erzincan, kam Suat mit eineinhalb Jahren nach Deutschland. Seine Eltern zogen mit ihm und seinen vier Schwestern von Istanbul ins Ruhrgebiet, wo der Vater als Schlosser arbeitete. Die Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um die Kinder. Nach einer unbeschwerten Kindheit fingen seine Probleme mit der Gymnasialempfehlung nach der Grundschule an. „Ich war einer der wenigen aus der Arbeiterschicht“, erzählt er. „Ich habe definitiv nicht dazugehört und das auch damals schon gespürt.“

Ein Bildungssystem, das den Lebenskontext der Schüler nicht betrachtet

In den 80er-Jahren waren die Bedingungen in den Schulen nicht auf Schüler wie Suat zugeschnitten und folglich wenig förderlich. Genau das ist es, was er heute noch am deutschen Bildungssystem anprangert: „Meine Leistungen wurden nicht in meinem Lebenskontext gesehen“. Damals so wie heute würden Schüler an deutschen Schulen unterschiedliche Lernvoraussetzungen mitbringen: „Wenn nicht darauf geschaut wird, wo die Kinder und Jugendlichen herkommen und welche Voraussetzungen sie mitbringen, haben sie wenig Aussicht darauf, die Schule erfolgreich zu beenden. So kann keine Rede von einem gerechten Bildungssystem sein.“

Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass Suat nicht gerne zur Schule ging. Er war überfordert mit dem System, und die Lehrer waren überfordert mit dem Gastarbeiterjungen. Er rebellierte, seine Leistungen verschlechterten sich und so kam es zur Abschulung vom Gymnasium auf die Hauptschule. „Als ich das hörte musste ich weinen: Wir als Gymnasiasten haben ja eigentlich die Realschüler belächelt. Das war für mich die Höchststrafe.“

Den Wendepunkt in Suats Leben leitete der Rektor der Hauptschule ein. Der Junge hatte beschlossen, Fotograf zu werden, doch als er diesen Wunsch in der Klasse äußerte, lachten ihn alle aus. Entmutigt entschied er sich für eine Lehre als Elektriker. Der Rektor aber sah mehr in dem Jungen und empfahl ihm, Abitur zu machen. Suat folgte dem Rat, machte Abitur und studierte Sozialwissenschaften. „Demnächst bin ich an meiner alten Schule“, erzählt Suat stolz, „aber diesmal mit dem Landesprogramm für Talentförderung, das ich vorstellen werde.“

Suats Rektor war sozusagen sein Talentscout. Er tat damals genau das, was Suat heute für junge Menschen macht. Er sorgt dafür, dass der Weg von der Schule zum Studium für die Jugendlichen so angenehm und erfolgreich wie möglich verläuft. Was ihn antreibt, seien vor allem die Jugendlichen selbst. Da er 24 Stunden für seine Kids erreichbar sei, bleibe es nicht aus, dass man sich verbündet, trotz einer gewissen pädagogischen Distanz. „Ich arbeite mit Menschen, Emotionen spielen immer eine Rolle“ sagt Suat. In manchen Fällen ersetzt er sogar die Eltern, wenn diese sich nicht kümmern.„Wenn eine Mutter morgens nicht aufstehen kann, weil sie unter schweren Depressionen leidet, da kann ich nicht sagen, ich habe aber frei.“ Dann fährt Suat eben mit dem Jugendlichen zu einem wichtigen Termin an der Universität oder begleitet seinen Schützling auf dessen Abschlussfeier. Um Zugang zu den Jugendlichen zu finden, redet er viel mit ihnen, hört ihre Musik. Er versucht zu verstehen, was sie fühlen, wovon sie träumen. „Wir geben uns mehr Mühe, einen Staubsauger zu verkaufen, als den jungen Leuten Hoffnung zu geben“, resümiert er nachdenklich.

Das Schlimmste sei für ihn, wenn er an seine Grenzen stößt und nichts mehr tun kann. Er erzählt von einer Schülerin mit hervorragenden Noten. Langsam verschlechterten sich bei ihr psychische Verfassung und Leistungen. Sie musste für lange Zeit in eine Klinik und schaffte den Sprung zurück nicht mehr. „Sie hatte alles vor sich und ich habe miterlebt, wie sie immer mehr verfällt, ohne etwas machen zu können.“

Unzählige Erfolgsgeschichten

Da sind aber auch die vielen Erfolgsgeschichten. Suat erzählt stolz von Schützlingen, die es trotz ihrer sozialen Herkunft und erschwerten Lebensbedingungen an die Universität schaffen, Diplome erhalten oder Stipendien bekommen, von denen sie nicht zu träumen wagten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Jugendliche aus Migrantenfamilien sind oder deutsche. Manchmal haben es deutsche Jugendliche aus sozioökonomisch schwierigen und bildungsfernen Familien sogar sehr viel schwerer, sagt Suat. Die Migrantenkinder hätten oft zumindest eine intakte Familienstruktur.

Die Geschichte der Schülerin Julia Schmid, die Suat begleitete und betreute, war bereits im Fernsehen zu sehen. Eine junge Frau, die sich ohne jegliche Unterstützung ihrer Familie, aber mit mehreren Nebenjobs allein durchs Leben kämpfte, durch viele Tiefen und Enttäuschungen. Ihr innigster Wunsch: das Abitur schaffen, und Richterin werden. Suat Yilmaz war es, der ihr die Hand reichte und wesentlich dazu beitrug, dass Julia ihren Traum verwirklichen konnte. Heute studiert sie Jura in Köln und ist Stipendiatin der Friedrich-Ebert Stiftung.

Ob die Erfolgsgeschichten evaluiert werden, möchte ich wissen und erhalte eine Gegenfrage: „Wie willst du Erfolg messen?“ Aber ja, seine Arbeit werde evaluiert. Eine renommierte Wissenschaftlerin sei mit ihrem Team bereits an der Arbeit. Bisher sei allein bei Deutschlandstipendien die Zahl in nur eineinhalb Jahren von 15 auf über 100 angestiegen. „Die Zahl der Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen und verweilen, ohne abzubrechen, liegt bei über 80 Prozent“, sagt Suat und betont erneut, dass es nicht einzig um fachliche Qualifizierung geht, sondern auch darum, den kulturellen Horizont der Jugendlichen zu erweitern.

Am Ende unseres Gesprächs stelle ich ihm die No-go-Frage: Wie oft wird er gefragt, ob er sich türkisch oder deutsch fühlt? Unzählige Male musste er diese Frage bereits beantworten. Es nerve ihn mittlerweile nicht mehr, er sei abgehärtet. „Ich fühle mich türkisch und sehe mich als Türkischstämmigen an“, sagt er. „Aber, das ist nur ein Teil von mir, der andere Teil ist der Pott. Ein Teil meiner Identität ist die Türkei, das Anatolische, die Sprache meiner Großmutter, die Musik, die wir gehört haben, der andere Teil ist das Ruhrgebiet. Nur beides zusammen zu fühlen, fühlt sich für mich gut an.“

Als wir uns verabschieden, denke ich: „Kein Zweifel, dieser Mann hat in seinem Beruf seine Erfüllung gefunden“. Das Beeindruckende an seiner Erfolgsgeschichte ist, dass sie auf dem Erfolg von unzähligen Jugendlichen basiert, die ohne ihn keine Chance hätten.

Für alle, die mehr lesen wollen: Suat hat seine eigenen Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystems und die Erfahrungen seiner Schützlinge in seinem Buch „Die große Aufstiegslüge: Wie unsere Kinder um ihre Zukunft betrogen werden“ zusammengetragen (2016, Bastei Lübbe, Köln). Die Lektüre lohnt sich.

Eine Kolumne von Semra Uzun-Önder