Gelecek Yok – Keine Zukunft

Der Punk sei tot, heißt es oft. In Städten wie Berlin oder London ecken Punks mit ihren bunten Irokesenschnitten und zerschlissenen Klamotten längst nicht mehr an. Can, Ersin und Toprak aber machen Punkrock in Istanbul. Die Geschichte einer Subkultur im 13. Jahr Erdoğan.

Der Eingang zu Istanbuls Underground-Musikszene liegt am Rand eines Fischmarktes. Auf dem Nevizade Balıkpazarı drängen sich tagsüber Stadtbewohner und Touristen. Sie kaufen frisch gefangenen Fisch aus dem Marmara-Meer, kunstvoll eingemachtes Gemüse oder überteuerte Souvenirs. Und abends, wenn die Geschäfte schließen, füllen sich die Restaurants. Auf den meisten Speisekarten stehen Fisch und Seafood. In den Lokalen rund um den Eingang des Nachtclubs Peyote aber, sind die Tische gefüllt mit Vorspeisenplatten und Flaschen voller Rakı. Musiker in Anzug und Krawatte unterhalten ordentlich gekleidete Gäste mit traditioneller Musik.

Wenige Meter weiter, trägt niemand Anzug. Auf dem Bürgersteig drängen sich Passanten und bettelnde syrische Kinder durch einen Pulk aus ein paar Dutzend jungen Punkrock-Fans. Frauen in kurzen Röcken und halb durchsichtigen Strumpfhosen. Männer mit langen Haaren, spitzen Nieten und Aufnähern auf ihren Lederjacken. Statt teurem Rakı trinken sie Bier vom Kiosk. Ein etwa 50-jähriger Zivilpolizist beobachtet sie mit grimmigem Blick.

Die Punkrock-Fans warten darauf, dass im Peyote das Wargasm-Fest beginnt, ein kleines Punkfestival. Im Erdgeschoss läuft parallel bereits Techno, in der vollen Bar im Dachgeschoss legt ein DJ alternative Musik auf. In der Etage dazwischen beginnen Padmé als erste Band des Abends ihr Konzert. Padmé, das sind drei Jungs Anfang 20, die Skatepunk machen. Der Nachwuchs der Istanbuler Punk-Szene. Die Musik klingt mitreißend und zumindest für den, der die türkischen Texte nicht versteht, nach guter Laune. “Wir singen darüber, was zur Hölle in der Türkei gerade abgeht”, erklärt Sänger Toprak nach dem Auftritt. Er steht jetzt verschwitzt auf dem Bürgersteig am Rand des Fischmarktviertels. Hier ist es etwas ruhiger als oben im Club und hier ist auch das Bier billiger.

 Ironische Texte als Mittel zur Kritik: Padmé-Sänger Toprak 

“Uns ist es zu langweilig, nur ‘fuck the police!’ zu brüllen”, sagt er. “Wir setzen uns lieber ironisch mit den Themen auseinander. In einem Lied singe ich zum Beispiel aus der Perspektive eines Faschisten.” Das Szenario: Ein Mann geht mit einer Machete auf linke Demonstranten los. Das entspringt nicht Topraks Fantasie. Das ist während der Gezi-Proteste 2013 tatsächlich passiert. Den Täter ließ die Polizei nach wenigen Stunden wieder laufen, weil angeblich keine Fluchtgefahr bestand. Kurz später setzte er sich ins Ausland ab.

Resignation und Angst

Seit den wilden, teils brutalen, vor allem aber hoffnungsvollen Tagen der Gezi-Proteste hat sich Istanbul verändert. Noch immer ist die Millionenmetropole ein überwältigender Moloch voller Gegensätze und Überraschungen. Doch sogar hier ist der Geist der Rebellion an den meisten Orten erstickt. Resignation und Angst haben sich breit gemacht. Angst davor, als Regierungsgegner verhaftet zu werden, wie es so vielen tausend Menschen in den letzten Monaten erging. Und auch die Angst davor, auf der Straße Opfer einer Gewalttat zu werden, vor der die Polizei nicht schützt und die die Regierung im Anschluss höchstens halbherzig verurteilen wird.

Kann Istanbuls Punk-Szene in diesem gesellschaftlichen Klima überleben?

Toprak ist mit der Angst wohl vertraut. Er trägt eine schwarze Lederjacke und hat einige Strähnen seiner strubbeligen Haare in einem hellen Blau gefärbt. In seiner Nase und Unterlippe hat er Piercings, seine Ohrlöcher sind gedehnt. “Die Leute starren mich an, beschimpfen mich als Schwuchtel”, erzählt er. Meistens wehrt er sich gegen solche Beschimpfungen. Er fragt die Leute, was das soll, warum sie ihn homophob beleidigen. Manchmal entschuldigen die sich dann. Manchmal kommt es aber auch zu einer Schlägerei. “Ich hab’ echt oft auf die Schnauze bekommen”, sagt Toprak.

Diese Gewalt ist eng verknüpft mit der Entwicklung des Landes unter der Regierungspartei AKP.
Dabei war die Partei — zumindest nach außen hin — zunächst mit einem Programm der Demokratisierung angetreten. Das Militär, das schon mehrfach in der Geschichte des Landes geputscht hatte, wurde entmachtet. Die Türkei öffnete sich unter Erdoğan zur EU. Vor allem ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung sicherte mehrfach die Wiederwahl. In seiner dritten Amtszeit wurde Erdoğans Regierungsstil dann aber immer autoritärer. Bauprojekte wurden gegen den Willen der Bevölkerung durchgedrückt, der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit eingeschränkt und durch erhöhte Steuern immer teurer. Auch in die intimsten Sphären wollte sich Erdoğan einmischen. Jede Familie solle mindestens drei, besser fünf Kinder zeugen, verkündete er 2012, als er noch Ministerpräsident war. Auch das Recht auf Abtreibung wollte er radikal einschränken lassen.

Mit dem Vorgehen gegen seine Kritiker hat sich in den letzten Monaten auch Erdoğans Rhetorik drastisch verschärft. Die Auswirkungen davon sind auch auf den Straßen Istanbuls zu spüren. Im Fastenmonat Ramadan zum Beispiel, als mehrere Männer einen Plattenladen im hippen Innenstadtviertel Cihangir stürmten, weil die Gäste dort öffentlich Musik hörten und Alkohol tranken. Oder vor wenigen Monaten, als ein Mann einer jungen Frau in einem Istanbuler Bus ins Gesicht trat, weil sie eine kurze Hose trug.

“Diese Gewalt gab es schon immer”, sagt Sänger Toprak. Seit dem Putschversuch seien die Leute aber deutlich aggressiver geworden. Gewalttätige Übergriffe passieren nicht nur in den konservativen Vierteln der Stadt. Auch in Stadtteilen, die eigentlich als Herzkammern des modernen Säkularismus gelten, oder in den Ausgehvierteln rund um den zentralen Taksim-Platz fühlen sich viele nicht mehr sicher.

Pogen, um den Verstand zu behalten

Das letzte Konzert des Abends beginnt im Nachtclub Peyote weit nach Mitternacht. Einige Gäste sind längst gegangen. Den verbliebenen schreit Ersin von der Bühne entgegen — “I wasn‘t born a soldier, I wasn‘t born to kill!” Der 31-Jährige ist Sänger der Band Poster-Iti. Er ist bereits sichtlich betrunken und ihm läuft Schweiß von der Stirn. Als ihm zwischendurch die Puste ausgeht, nimmt ihm eine Freundin kurzerhand das Mikrofon ab, brüllt ein paar Zeilen lang seinen Text.

 Poster Iti: „Wasn’t born as a soldier“ 

Auf den Fingern seiner rechten Hand hat Ersin “ACAB” tätowiert — “All Cops are Bastards”. Er trägt ein weites schwarzes Shirt der anarchistischen Tierbefreiungsbewegung. Die ebenso betrunkenen und verschwitzten Menschen vor der Bühne tanzen und pogen wild durcheinander. Immer wieder klettert jemand den kleinen Absatz in Richtung Band empor, um dann ins Publikum zurück zu springen. Was auch immer da draußen passiert, hier im Konzertsaal des Peyote ist die Punkrock-Welt noch in Ordnung.

“Dieser Laden ist sowas wie das CBGB der Türkei” sagt Ersins Bandkollege Can zwei Tage nach dem Konzert. Er sitzt in der Bar des Nachtclubs. Das CBGB war in den 1970er Jahren einer der bedeutendsten Musik-Clubs in New York. Punkbands wie die Ramones hatten hier ihre ersten Auftritte. Und der Vergleich ist mit bedacht gewählt. “Gäbe es das Peyote nicht, sähe es düster aus in Istanbul. Nicht nur für Punk, sondern für die ganze Underground-Musikszene”, ergänzt Bandkollege Ersin. Viele andere Orte, an denen sie auftreten können, gibt es nicht, in der Metropole mit ihren mehr als 14 Millionen Einwohnern.

“Die Punkszene ist recht klein”, sagt Can, der Gitarrist der Band. “Wir sind um die 300 Leute. Das ist alles sehr familiär.” Die Band Poster-Iti hat er 2003 gegründet, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Recep Tayyip Erdoğan Ministerpräsident der Türkei wurde. Sie ist mittlerweile eine der ältesten noch bestehenden Punkbands des Landes.

Für Sänger Ersin und Gitarrist Can ist Musik ein politisches Mittel

Die erste wirkliche Punkband der Türkei, da sind sich Can und Ersin einig, waren Ende der 80er-Jahren die “Headbangers. Seitdem sind neue Bands entstanden, alte haben sich wieder aufgelöst. Auch unter den Fans gab es immer ein Kommen und Gehen. “Viel größer als heute war die Szene aber nie”, sagt Can.

Musik als politisches Mittel

Can und Ersin finden: Diese Szene sollte auch eine politische Bewegung sein. “Viele Texte drehen sich vor allem ums Saufen und Kaputtmachen”, sagt Ersin. “Es nennen sich zwar alle Anarchisten, aber eigentlich ist das nur unpolitischer Nihilismus.”

Vor einigen Jahren haben die beiden das Wargasm Collective gegründet. “Wir organisieren vor allem Konzerte”, erklärt Can. “Da wird nicht nur politische Musik gespielt, aber wir machen klar, dass es dort keinen Platz für Nationalismus gibt, oder für Gewalt gegen Frauen.” Auch ihre Facebook-Seite nutzen sie, um politische Botschaften zu verbreiten. Sie teilen dort Berichte über den Krieg gegen die Kurden, über feministische Demonstrationen oder die Verhaftungen von Oppositionellen. In der heutigen Türkei nicht ungefährlich. Schon ein einzelner kritischer Post in den Sozialen Medien kann in der Zeit des Ausnahmezustands für eine Verhaftung ausreichen.

Can und Ersin ist klar, dass die Punks nicht den ersehnten politischen Wandel in der Türkei bringen werden. Die Szene ist viel mehr eine Oase in einer Gesellschaft, in die die beiden längst keine Hoffnung mehr setzen. “Hier verstehen wir uns wenigstens gegenseitig”, sagt Can. Viele stürzen sich in ihr Berufsleben, kapseln sich von den politischen Entwicklungen ab, so gut es nur geht. Die beiden vertiefen sich in ihre Subkultur. Für sie ist das mehr als ein reiner Zeitvertreib. Die Punks der Türkei singen, schreien, pogen und trinken auch, um den Verstand zu behalten.

Noch können sie wenigstens das. Noch ist es nur ein einzelner Zivilpolizist, der vor dem Peyote steht und die trinkenden Punks in ihren löchrigen Hosen und Lederjacken bewacht. Das Augenmerk der Polizei gilt bisher anderen. Ob das aber so bleiben wird, ist ebenso ungewiss, wie vieles andere in der Türkei dieser Tage.


Von der Crowd finanziert

Diese Recherche wurde über die Plattform crowdfunding.correctiv.org finanziert. Wir bedanken uns bei allen Spendern. Sofern die Spender einer Namensnennung zugestimmt haben, werden sie hier namentlich aufgeführt. 

Vielen Dank an Michael Kaluza, Tobias Huch, Friedrich Weber-Steinhaus, Dario Schach, Anna Braun, Christina Hinderlich, Alexandra Breitenstein, Gesa Salget und 56 weitere Personen.

Lederjacken, Jeanswesten und Bierflaschen. Istanbuls Punks fallen auf. Bild: Felix Huesmann 

Text, Bilder und Video: Felix Huesmann, Istanbul

2017-09-29T15:39:56+00:00