Erfolgsgeschichten

Möchte ich Erfolgsgeschichten von Menschen mit Migrationshintergrund aufschreiben? Lange habe ich mir darüber Gedanken gemacht, als ich gefragt worden bin. Mein erster Impuls war, nein danke, warum sollte ich auch?

Menschen mit Migrationshintergrund sind schon dadurch gestraft genug, dass sie ihre Migration oder die ihrer Eltern oder gar Großeltern wie einen Rucksack, den man nicht ablegen kann, mit sich rumtragen müssen. Sind sie dadurch nicht schon genug kategorisiert?

Warum kann nicht jeder als das akzeptiert werden, was er ist?
Warum wird man daran bemessen, wo man herkommt oder wieviel Erfolg man hat?
Der Idealzustand wäre doch, unabhängig von Sprache und Herkunft zu sein. Aber wir leben nicht in idealen Verhältnissen, es gibt Abstufungen quer durch die Gesellschaft. Einmal angelangt bei den Migranten, werden diese aufgeteilt in erfolgreiche, nicht erfolgreiche, integrierte nicht integrierte.
Picken wir uns nicht alle gerne die Menschen heraus, die es geschafft haben, sich durch Erfolg, in welcher Form auch immer, einen Platz in der Gesellschaft zu sichern, was für Migranten in besonderer Weise gilt?

Jeder kennt in seinem Umfeld zumindest einen „Vorzeigemigranten“. Das sind jene, die aufgestiegen sind durch Fleiß und einem starken Willen. Idealerweise mit einer tragischen Geschichte im Hintergrund. Auch wenn mittlerweile hinlänglich bekannt ist, dass Ehrgeiz bei weitem nicht ausreicht, es zu etwas zu bringen, wenn die sozialen Bedingungen und Strukturen nicht ausreichend gegeben sind.

Ich zumindest habe diese Erfahrung gemacht. Seit ich zurückdenken kann, trage auch ich diesen Rucksack. Mir wurde schon so oft der Titel „Vorzeigetürkin“ angeheftet, dass ich bald anfange zu glauben, ich sei irgendwie eine Adelige. Und ich weiß, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin. Autoren mit Rucksack beispielsweise, die in Deutschland geboren wurden, deutsch denken und deutsch schreiben sind nicht etwa deutsche Autoren – sie sind Autoren mit Migrationshintergrund. Haben sie es ganz nach oben auf der Erfolgsleiter geschafft, wird darüber diskutiert, ob sie nicht doch eher deutsche Autoren sind.

Aber wer definiert Erfolg eigentlich? Die Gesellschaft oder die Wirtschaft?
Ist jemand, der es vom armen anatolischen Bauern zum Besitzer eines florierenden Gemüseladens gebracht hat erfolgreich und vor allem angesehen? Oder muss man es mindestens zum Prof. Dr. bringen? Ich höre Sie schon schreien: Das ist doch bei Deutschen nicht anders! Doch, das ist es schon.

Die Frage ist doch, wer kann an der Gesellschaft teilhaben und welche Möglichkeiten gibt es? Die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen sind so gestrickt, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft keinen Professorentitel erlangen können. Es hat ja einen Grund, dass es so viele Gemüseladenbesitzer unter den Rucksackträgern gibt.

Eigentlich verhält es sich da ein wenig wie mit der Frauenquote. Frauen können sich bis zu einem bestimmten Punkt verwirklichen. Oft genug kommen sie nicht weiter. Nun ersetzen sie bitte in dem vorangegangenen Satz das Wort Frauen durch Migranten. Das System müsste sich verändern. Stattdessen werden Akzente, wie Quoten gesetzt. Diese vergrößern dann den Kreis der Leute, die es geschafft haben. Der Willen der anderen war dann wohl nicht stark genug.

All diese Gedanken hielten mich davon ab, Erfolgsgeschichten von Migranten aufzuschreiben. Aber genauso fielen mir verschiedene Situationen ein, die meine Bedenken aus dem Weg räumten. Mehrmals habe ich Autoren mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zu Schullesungen und Workshops begleitet. Konnten sich die Schüler mit dem Autor, seiner Geschichte und seinen Erfahrungen identifizieren war das Interesse der Schüler besonders groß. Ihre Neugierde wurde geweckt und sie arbeiteten ambitioniert mit. Wer weiß, vielleicht wird einer von ihnen der Erfolgsgeschichte des Besuchers ja nacheifern.

Diese Geschichten nur zu erzählen hilft genauso wenig wie irgendwelche Quoten. Denn wer einen Migrationshintergrund hat, hat alles, was damit zusammenhängt im wahrsten Sinne des Wortes verinnerlicht, das Positive wie das Negative. Mutmachende Worte brauchen diese Menschen nicht. Das ist zu wenig. Sie brauchen Vorbilder zum Anfassen, lebendige Beweise, dass das Leben auch anders sein kann, mit oder ohne Rucksack.

Genau aus diesem Grund begebe ich mich von nun an auf die Suche und werde an dieser Stelle in regelmäßigen Abständen Erfolgsgeschichten vorstellen.

Der Einfachheit halber wird im gesamten Text die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen.

Eine Kolumne von Semra Uzun-Önder

2017-03-30T11:15:15+00:00